Donnerstag III

30. Juni 2005

Heute holt sich Herr Klamm den grössten Schraubenschlüssel aus der selbstgezimmerten Haltevorrichtung. Er geht in die Zimmer der schlafenden Kinder und schlägt ihnen mit dreiungzwanzig und fünfzehn Schlägen die kleinen Schädel ein. Dann schleicht er sich nach oben, wo seine Frau schläft. Hier braucht er zweiundfünzig Schläge bis er zur Ruhe kommt – wie später ein älterer Angestellter im forensischen Dienst einem bleichen Kollegen erklären wird. Herr Klamm steigt in sein Auto und fährt in angemessenem Tempo eine Viertelstunde, bis er auf einer Autobahnbrücke anhält. Er parkt das Auto und springt von der Brücke zweiundzwanzig Meter in die Ungewissheit. Man wird später einen Gitterzaun an der Brücke anbringen.

VOX-Nachrichten

29. Juni 2005

Laut VOX sind gestern Nachmittag auf einem Schulausflug in Bayern 59 Kinder der Sonne wegen zusammengebrochen. Von der Lehrerin wurde nichts berichtet.

Mittwoch III

Klamms Nachbarn feieren heute irgend so ein fremdländisches Ritualfest im Garten. Herr Klamm steigt aufs Dach um zu überprüfen, ob die Sache auch sittlich von Statten geht. Es ist lärmig und man sieht ab und zu Männer, die obszön gestikulieren. Frau Klamm ruft die Polizei. Diese hat aber keine Handhabe um gegen die Nachbarn vorzugehen. Frau Klamm flucht über die Nachbarn und die Zeremonie. Herr Klamm flucht über den Staat und die Fremden. Die Kinder über die Schule und ihre Eltern.

Dienstag II

Heute fährt Herr Klamm mit dem Auto zur Arbeit. Dort bleibt er acht und eine halbe Stunde. Dann fährt er nach Hause und schaut gemeinsam mit Frau Klamm einige Stunden fern: in München zerlegt ein 22jähriger Mann Frauen mit dem Samurai-Schwert, im italienischen Bogogno erschiesst ein Amokläufer drei Menschen, in Dortmund vergewaltigen vier Männer eine 14jährige. Herr Klamm und Frau Klamm gehen ins Bett, man muss morgen wieder früh raus.

Montag II

28. Juni 2005

Herr Klamm hört heute am Nachbartisch in der Kantine, dass in der Firma Stellen gestrichen werden müssen. Herr Klamm findet das in Ordnung, schliesslich muss die Firma funktionieren. Ein wenig flau im Magen wird ihm aber schon, als die Sekretärin des Chefs ihn in die sonnendurchflutete Teppichetage zitiert. Es geht nur um die kommende Hochzeit des Chefs. Eigentlich wollte Herr Klamm bei Gelegenheit mal um eine kleine Gehaltserhöhung bitten. Das lässte er jetzt aber und konzentriert sich um so mehr auf die Zahlen, die den Bildschirm des Dell-Computers ausfüllen.

Histomat und türkische Supermärkte

27. Juni 2005

Was man nicht alles entdeckt, wenn man die Referers ansieht. Da haben die Suchmaschinen aber saubere Arbeit geleistet:

Supermarkt + Türkei = Störgeräusche im Supermarkt auf Platz 1

Histomat = Störgeräusche im Supermarkt auf Platz 4

Sonntag II

Die Sonne scheint vom Himmel, als sei die Erde einige tausend Kilometer näher ans Zentrum des Sonnensystems gerückt. Bei Klamms sind die dunkelgrünen Jalousinen runtergelassen. Im Inneren des Reihenhäuschens drehen verschiedene Ventilatoren und wirbeln die heisse Luft durcheinander. Man beschliesst neben der Alarmanlage auch eine Air-Condition zu kaufen. Man wird nächstes Jahr wohl auch nicht in die Ferien fahren.

Samstag II

25. Juni 2005

Frau Klamm geht heute mit ihrer Freundin vom Yoga ins Kino. Man schaut «die Geschichte vom weinenden Kamel». Herr Klamm bleibt zuhause und schaut «die schmutzigen Abenteuer der Mademoiselle F.». Frau Klamm hat das Bedürfnis zu reden, als sie nach Hause kommt. Herr Klamm hat anderes im Sinn. Man scheitert.

Freitag II

24. Juni 2005

Frau Klamm breitet heute Prospekte mit farbigen Bildern von Palmen, Strand und Meeresbuchten auf dem grünen Tisch in der Wohnstube aus. Sie will in die Ferien fahren. Nach Gran Canaria, auf die Malediven oder in die Türkei. Das Realitätsprinzip – verkörpert in Herrn Klamm – sperrt diesen Wunsch aber sogleich wieder in die farbigen Bilder. Man hatte ausgemacht, dass man das Geld benötigt. Man will die Hecke im Garten durch eine Holzwand ersetzen und sich für das Haus eine Alarmanlage anschaffen.

GMX weiss…

…was Wissenschaft ist.

Schon Babys wissen, was schön ist. Als der britische Psychologe Alan Slater 100 Säuglingen die Fotos von einem attraktiven und einem weniger hübschen Gesicht zeigte, blickten die Kleinen deutlich länger auf das schönere Gesicht. Fazit: Der Sinn für Schönes ist angeboren. (GMX-News)

Das Hirn ist’s. Da hält einer ein paar Fotos hoch und schon weiss man: Nicht Sein bestimmt Bewusstsein. Nein. Die Welt ist, wie der Mensch ist. Die gesellschaftlichen Normen sind eigentlich natürliche Vorgaben. Die Neurobiologie, jene alte – in neuem Gewand auftretende – Legitimierungsideologie des Bestehenden, abstrahiert konsequent von gesellschaftlichen Bedingungen, die einen Menschen erst formen.

Nicht die Menschen bestimmen ihre Zwecke, versuchen sie durchzusetzen, scheitern allzu häufig und legen sich ihr Scheitern an gesellschaftlichen Hindernissen als Segen oder Sachzwang zurecht, sondern das natürliche Gehirn soll es sein, das all dies für sie leistet. (Freerk Huisken)

Und weil man nicht nur die Welt erklärt, sondern auch, welcher Mensch innerhalb der Welt an welchem Ort zu stehen hat, wird heute das, was man früher per Schädelvermessung definierte per IQ-Test „wissenschaftlich“ festgehalten.

An dieser Stelle sei auf diesen sehr aufschlussreichen Text von Freerk Huisken hingewiesen. Ascetonym hat zu dem Thema auch was entdeckt.