Der Staat des Kapitals

16. Juni 2005

Bestrebungen, im kapitalistischen System der Produktion den Konflikt zwischen dem «command of labour» und den Arbeitenden in beiderseitiger Zufriedenheit zu schlichten, sind schon älteren Datums. Sie gingen von der richtigen Erkenntnis aus, daß das Spannungsverhältnis von Leitung und Belegschaft im Betrieb die Produktivität der Arbeit beeinträchtigt und auch das außerbetriebliche, politische und private Verhalten in ungünstiger Weise beeinflußt. Gesucht wurde nach Methoden, die mit dem geringsten, möglichst unmerklichen Repressionsgrad die höchste Ausnutzung des Profitmechanismus sichern. Insofern begann der Kapitalismus schon vor der jetzigen, «dritten Entwicklungsphase der Demokratie» (Flechtheim), innerbetrieblich sozial zu werden. Human relations, Staffelung der Befehlsgewalt durch Delegierung von Macht nach unten, freundliches Betriebsklima, ein in Grenzen gehaltenes, aber wirkungsvolles Ausspracherecht (kein Mitentscheidungsrecht) dienten dazu, Statusfixierung zu erzeugen und manipulativ ausgeübte Unterdrückung akzeptabel zu machen. Drängte schon die damit gewonnene positive Erfahrung dazu, Befriedungstechniken auf den gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozeß auszuweiten, so zwang die offene Konfliktsituation in den desintegrierten Gesellschaften des Westens nach dem Zweiten Weltkrieg, um der Sicherung des Systems willen eine allgemeine Politik des sozialen Ausgleichs zu versuchen.

(…)

So wichtig es auch sein mag, daß kein Zweck irgendwelche Mittel heiligt; so sehr es auch einleuchtet, daß «ein heiliger Zweck, der unheiliger Mittel bedarf, ein unheiliger Zweck ist» (Marx), ebenso sehr muß man sich vor einer abstrakten Verrückung im Werturteil vom Zweck zu den Mitteln hüten. Sie kann allerhand unheilige Zweckmäßigkeit verbergen. Es entstammt einer allerdings althergebrachten Bewußtseinskonfusion, daß Repression mit «friedlichen» Mitteln humaner sei als Emanzipation mit gewaltsamen Mitteln. Mit Recht bemerkt Duverger, daß eine solche Verschiebung selbst ein Herrschaftsmittel darstellt und immer der bevorrechteten Klasse und der «etablierten Unordnung» dient. Um so mehr als Herrschende sich im Gegensatz zu den Beherrschten jederzeit die Großzügigkeit der Mittel leisten können, wenn keine «gemeingefährlichen Umtriebe» zu befürchten sind. Panis et circenses, seit jeher ein vorzügliches Mittel der friedlichen Zurückdrängung potentieller Massenunruhen und der schmerzlosen Knechtung, sind in Wirklichkeit, in der Perspektive geschichtlicher Prozesse und deren Öffnung zur Evolution oder Involution, inhumaner als der Sturm auf die Bastille oder auf das Winterpalais. Nicht Brot und Spiele noch Wahlzettel, sondern die Gewalt hat im Laufe der bisherigen Geschichte soziale Kräfte der Manipulation entzogen und Freiheit verwirklicht.

(OCR) aus: Johannes Agnoli; «Der Staat des Kapitals»


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