Donnerstag II

23. Juni 2005

Fraum Klamm hat heute die Wohnung nach Feng-Shui-Vorgaben ausgerichtet. Feng-Shui sei die Kunst und Wissenschaft vom Leben in Harmonie mit der Welt, erklärt sie beim Abendessen. Dafür hat sie ihre Psychoanalyse abgebrochen. Vermutlich ist die Sonne schuld, denkt sich Herr Klamm beim Verspeisen der Frühlingsrollen. Die Feuerscheibe brennt heute derart vom Himmel, dass er während der Arbeit dreimal das Hemd wechseln musste und auf dem Nachhauseweg beinahe im flüssigen Teer steckengeblieben wäre.

Mittwoch II

22. Juni 2005

Herr Klamm hat sich heute für den Bastelraum eine hölzerne Werkzeug-Versorge-Vorrichtung geschreinert. Oben die Schraubenschlüssel der Grösse nach sortiert, in der Mitte die verschiedenen Bohr- und Schraubgeräte, unten Sägen und Hämmer. Frau Klamm ist begeistert. Sie wünscht sich auf ihren Geburtstag so eine Halterung für ihre Küchengeräte.

Dienstag I

21. Juni 2005

Streit zwischen Herrn Klamm und seiner Frau. Herr Klamm drückt die Senftube nie von hinten her aus, sondern quetscht immer die Mitte zusammen. Geschrei. Die Kinder bleiben in ihren Zimmern. Am Abend kommt Herr Klamms Chef mit seiner Noch-Freundin zum Essen. Zum Braten gibts Senf aus Gläsern und permanentes Lächeln.

Montag I

20. Juni 2005

Als die Kinder heute von der Schule kommen, finden sie ihre Katze tot im Garten liegen. Es scheint, als sei sie vom Apfelbaum gefallen. Man weiss nun nicht, ob die Nachbarn sie vergiftet haben – wie Frau Klamm vermutet – oder ob die Erdanziehung an diesem Tag besonders stark war. Auf jedenfall, versichert der konsultierte Tierarzt routiniert, habe die Katze nicht leiden müssen. Herr Klamm empfindet insgeheim Freude. Hatte die Katze ihn doch gerne gekratzt. Dumm nur, dass man sie nicht einfach auf dem Sperrmüll entsorgen kann. Im Gegenteil hätte man sogar – den Kindertränen nachgebend – ein zeremonielles Begräbnis im Garten veranstalten müssen. Hätte nicht das Gesundheitsamt auf die telefonische Nachfrage von Herrn Klamm davon abgeraten – wegen des Grundwassers. So findet die Katze ihr Ende in der Kerichtverbrennung.

«Caliente»

19. Juni 2005

Grosser Latino-Tanzanlass in der Stadt. Unter meinem Fenster ziehen zur Stunde Ströme von gutgelaunten und gutaussehenden Menschen vorbei. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte eine böse Nachbarin, die den Leuten Schuhe nachschmeisst.

Sonntag I

Heute hat sich im Leben der Familie Klamm nichts aber auch gar nichts Bemerkenswertes zugetragen. Ein kurzer Spaziergang auf den sauberen Bürgersteigen den weiss gestrichenen Reihenhäusern und von Rentnern bewohnten Schrebergärten entlang. An einer Strassenkreuzung kontrolliert die Polizei eine Gruppe Kinder mit Wasserballons. Herr Klamm findet, dass Ordnung sein müsse. Frau Klamm stimmt ihm zu. Am Abend wird im Garten gegrillt. Dazu gibt es Kartoffelsalat. Nicht das andere Tage wesentlich interessanter wären. Aber es ereignet sich wenigstens ab und zu ein Unglück, über das zu berichtet sich halbwegs lohnt.

Samstag I

18. Juni 2005

Ausflug an den überlaufenen Baggersee im Nachbardorf. Frau Klamm liest die neue «Annabelle». Sie verbrennt sich die Nase. Herr Klamm trinkt Bier im Schatten und wünscht sich, seine Frau würde um die Hüfte abnehmen. Eines der Kinder holt sich im Wasser eine infektiöse Ohrenentzündung. Frau Klamm bleibt die ganze Nacht wach und sitzt mit Ohrentropfen bewaffnet am Bett des Kindes. Sie hätte ohnehin schlecht geschlafen. Herr Klamm schnarcht in Autobahnlautstärke und flucht ab und an den Namen seines Chefs ins Gesundheits-Kopfkissen.

Von unten herabschauen

17. Juni 2005

Eine Bekannte, die vor einem halben Jahr noch nicht wusste was eine Antonomasie ist, glaubt heute über Leute lachen zu müssen, die den Begriff nicht kennen. Sie weiss es besser. Sie kennt heute sogar die rethorischen Mittel Diaphora, Litotes und Aposiopese. Sie weiss aber immer noch nicht, dass die Working poor in den industrialisierten Ländern massiv zugenommen haben, dass die Asylgesetzgebung erst kürzlich wieder verschäft wurde und dass die Welt, in der wir leben, trotz ungeheurem Reichtum für die Meisten zunehmend unbelebbar wird. Ich glaube, das alles interessiert sie auch gar nicht. Sonst hätte sie ja nicht mehr soviel zu lachen.

Freitag I

Frau Klamm hat heute an der Fleischtheke im Dorfladen gehört, dass die neuen Bewohner des Nachbarhauses Moslems seien. Am Mittagstisch wird zum Schweinsschnitzel geschwiegen. Herr Klamm hat Ärger in der Firma und das jüngere der beiden Kinder hat eine miserable Note nach Hause gebracht. Man einigt sich nach dem Vanilleeis darauf, die Hecke um den Garten diesen Sommer einen Meter höher stehen zu lassen und den Gasgrill in die entlegene Ecke des Gartens zu stellen.

Der Staat des Kapitals

16. Juni 2005

Bestrebungen, im kapitalistischen System der Produktion den Konflikt zwischen dem «command of labour» und den Arbeitenden in beiderseitiger Zufriedenheit zu schlichten, sind schon älteren Datums. Sie gingen von der richtigen Erkenntnis aus, daß das Spannungsverhältnis von Leitung und Belegschaft im Betrieb die Produktivität der Arbeit beeinträchtigt und auch das außerbetriebliche, politische und private Verhalten in ungünstiger Weise beeinflußt. Gesucht wurde nach Methoden, die mit dem geringsten, möglichst unmerklichen Repressionsgrad die höchste Ausnutzung des Profitmechanismus sichern. Insofern begann der Kapitalismus schon vor der jetzigen, «dritten Entwicklungsphase der Demokratie» (Flechtheim), innerbetrieblich sozial zu werden. Human relations, Staffelung der Befehlsgewalt durch Delegierung von Macht nach unten, freundliches Betriebsklima, ein in Grenzen gehaltenes, aber wirkungsvolles Ausspracherecht (kein Mitentscheidungsrecht) dienten dazu, Statusfixierung zu erzeugen und manipulativ ausgeübte Unterdrückung akzeptabel zu machen. Drängte schon die damit gewonnene positive Erfahrung dazu, Befriedungstechniken auf den gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozeß auszuweiten, so zwang die offene Konfliktsituation in den desintegrierten Gesellschaften des Westens nach dem Zweiten Weltkrieg, um der Sicherung des Systems willen eine allgemeine Politik des sozialen Ausgleichs zu versuchen.

(…)

So wichtig es auch sein mag, daß kein Zweck irgendwelche Mittel heiligt; so sehr es auch einleuchtet, daß «ein heiliger Zweck, der unheiliger Mittel bedarf, ein unheiliger Zweck ist» (Marx), ebenso sehr muß man sich vor einer abstrakten Verrückung im Werturteil vom Zweck zu den Mitteln hüten. Sie kann allerhand unheilige Zweckmäßigkeit verbergen. Es entstammt einer allerdings althergebrachten Bewußtseinskonfusion, daß Repression mit «friedlichen» Mitteln humaner sei als Emanzipation mit gewaltsamen Mitteln. Mit Recht bemerkt Duverger, daß eine solche Verschiebung selbst ein Herrschaftsmittel darstellt und immer der bevorrechteten Klasse und der «etablierten Unordnung» dient. Um so mehr als Herrschende sich im Gegensatz zu den Beherrschten jederzeit die Großzügigkeit der Mittel leisten können, wenn keine «gemeingefährlichen Umtriebe» zu befürchten sind. Panis et circenses, seit jeher ein vorzügliches Mittel der friedlichen Zurückdrängung potentieller Massenunruhen und der schmerzlosen Knechtung, sind in Wirklichkeit, in der Perspektive geschichtlicher Prozesse und deren Öffnung zur Evolution oder Involution, inhumaner als der Sturm auf die Bastille oder auf das Winterpalais. Nicht Brot und Spiele noch Wahlzettel, sondern die Gewalt hat im Laufe der bisherigen Geschichte soziale Kräfte der Manipulation entzogen und Freiheit verwirklicht.

(OCR) aus: Johannes Agnoli; «Der Staat des Kapitals»




Referer der letzten 24 Stunden:

Datenschutzerklärung