Blog tot

24. Juli 2005

Aber nur für eine Woche. Bin eine Woche weg. Werde danach hoffentlich wieder vermehrt zum Schreiben kommen.

So‘n Blogeintrag halt, du

20. Juli 2005

Es ist 2:29 und ich hab irgendwie gute Laune. Am Wochenende war ich so betrunken, dass ich mit dem Kopf auf dem Boden aufgeschlagen bin. Irgendwann lag ich in einer 24-Stunden-Tanke am Boden und war wohl ziemlich laut. Dann hab ich noch einen Velofahrer beleidigt. Ausserdem hatte ich kurzzeitig das Gefühl ich sei ein guter Rapper und hab das dann auch versucht zu beweisen. Irgendwie ganz lustig das ganze. Peinlich ist es mir nicht. Heute hatte ich Sitzung. Morgen geh ich Fussball spielen. Eigentlich benutzt man sein Weblog doch für solche Einträge, oder?

Der Kurz

16. Juli 2005

Die schwarze etwas zu kurz geratene Krawatte über dem weissem Hemd. Den schlecht sitzenden Anzug aus dem Grosshandel immer penibel gebügelt. Das dunkle, leicht schuppige Haar nach hinten gekämmt und an den Seiten sorgfältig unter die Bügel der feindrahtigen Brille gesteckt. Herr Kurz ist so unscheinbar – und wohl auch auswechselbar – wie eine der Zahlen, die er täglich an seinem Computer im Grossraumbüro bearbeitet. Sein Schreibtisch weist Ähnlichkeiten zu einer Zeichnung in einem Geometrieheft der Unterstufe auf. Schreibutensilien, Trinkglas und Telefon befinden sich auf einer Geraden. Parallel dazu verlaufen einige wenige Kabel, die aus Bildschirm und Tastatur des Computers kommen. Im Zentrum des dunkelbraunen Rechtecks, welches sein Schreibtisch bildet, thront der Plasmabildschirm an welchem er sich acht Stunden pro Tag die Augen an vielstelligen Zahlen kaputt sieht.
Zahlen sind ohnehin seine Leidenschaft, ja sein eigentlicher Lebenszweck. Er nennt die Zahl Pi auf neunundvierzig Stellen nach dem Komma. Die Auffahrt vor seinem Reihenhäuschen zählt dreihundertundfünfunddreissig Pflastersteine. Die Promenade am See, wo der Kowatsch zuweilen seine kontemplativen Rechenspiele stört, weist vierunddreissig Bäume auf. Die grösste Menge an Bier, die er je an einem Abend getrunken hat ist sechs Deziliter. Herr Klamm war der dreizehnte Todesfall in der Firma, seit Herr Kurz hier arbeitet. Nichts, was er nicht irgendwie kategorisieren, einordnen, festhalten würde.
Gestern hat er sich bei seinem Vorgesetzten beschwert. Der Neue in der Firma, der den Platz von Herrn Klamm einnimmt, hat seinen Kaffeebecher in der Kantine auf dem Stammtisch von Kurz stehen lassen – schon zum fünften Mal. Er weiss mit der Verantwortung umzugehen, die im sowohl als Angestellter eines branchenführenden Unternehmens als auch als Staatsbürger zukommt. Sieben Graffitis hatte es in der Nachbarschaft. Der Täter ist gefasst, die Schmierereien entfernt. Drei Landstreicher wurden schon mit seiner Mithilfe aus K. entfernt, einzig Kowatsch stellt in dieser Hinsicht noch eine Gefahr für die heile Welt von Kurz dar. Eigentlich geht es ihm gut, schliesslich hat er alles im Griff. Alles fest eingeschnürt ins Zahlenkorsett. Bloss manchmal, wenn er abends alleine im Bett liegt und die Sterne zählt, die er durch das offene Fenster sieht, wünscht er sich eine Frau oder wenigstens eine Katze oder einen Hund. In solchen Momenten schleicht ihm etwas die Kehle rauf und setzt sich in seinem Kopf fest als Wunsch irgendjemandem irgendwas heimzuzahlen. Mit einer AK47 mit vierhunderfünfzehn Millimeter Lauflänge und einer Kadenz von sechshundert Schuss in der Minute.

Seite 23

15. Juli 2005

1. Schnapp dir das nächste greifbare Buch
2. blättere zu Seite 23
3. finde den 5. Satz
4. poste den 5. Satz und setze diese Anleitung davor

«Die absolute Achtung der Freiheit des Elenden ist die beste Weise, ihn im Augenblick des Vertrages dem materiellen Druck auszuliefern» (Hans-Jürgen Krahl; Konstitution und Klassenkampf. Er zitiert hier Sartre)

(Ich habe mich für die Seite links meines Laptops entschieden, rechts liegt momentan «den Himmel stürmen»)

Das Ganze hab ich bei besserezeiten gestohlen.

Ausflug nach Absurdistan

14. Juli 2005

Am Dienstag, den 12. Juli fände in Freiburg eine Diskussion zwischen Joachim Bruhn (ISF) und Karl Rauschenbach (ADK) über die Frage der Klassen statt, wurde gross auf der ISF-Homepage angekündigt. Mit der vagen Vorahnung was mich da erwarten könnte – es handelt sich immerhin um die Auseinandersetzung zwischen einem Säulenheiligen und einem Renegaten der Antideutschen – reiste ich nach Freiburg. Die Veranstaltung fand vor etwa dreissig mehr oder minder aufmerksamen ZuhörerInnen statt, wobei das Innen stark unterrepräsentiert war. Die beiden Referenten fanden sich dann auch fast pünktlich ein und nahmen an einem Salontischchen Platz, welches auf der selben Höhe stand wie die Stühle der ZuhörerInnen – formal schien die antideutsche Familie also noch relativ intakt. Der Kollege Rauschenbach – wie er im Folgenden von Bruhn ständig genannt wurde – erklärte, eine selbstgedrehte Zigarette im Mundwinkel und offensichtlich mit sich selbst sehr zufrieden, dass er sich nicht vorbereitet habe. Er fahre halt gerne Zug und habe deshalb die Einladung angenommen, ausserdem sei die Diskussion sowieso schon vor zwei Jahren gelaufen und die Argumente seien ausgetauscht. In Freiburg kämen halt so Sachen einfach immer viel später an. Bruhn versuchte sich an einem inhaltlichen Einleitungsreferat. Den Inhalt kannte man als Leser der Schriften des geannten ohnehin und so erschöpfte sich der Erkenntnisgewinn in der Bestätigung, dass der Kapitalbegriff des ISF nicht zu verstehen ist. Anschliessend entspann sich eine sogenannte Diskussion zwischen dem im Stuhl förmlich liegenden kommunistischen Punk, der seine Nichtbereitschaft zur Diskussion bewusst zur Schau stellte (Rauschenbach) und einer im Leerlauf drehenden Metaphernschleuder (Bruhn). Eigentlich erschöpfte sich die Diskussion im Gegenseitigen Vorwurf, der Konterrevolution andienlich zu sein. Als Bonbon gabs von Rauschenbach noch einige antideutsche Internas zu hören (Verhältnis Bruhn – Wertmüller und Fahnenstreitereien). Das Publikum lachte an den richtigen Stellen – dort wo sie ein Spässchen seitens Bruhn vermuteten – und die Kettenhunde der genannten Fraktion bellten ab und an aus den hinteren Reihen. Im grossen Ganzen war es ganz lustig. Die meisten ZuhörerInnen fanden das nicht, vorallem nicht die, die drei Stunden mit dem Auto angereist waren. Mein Vorschlag: nächstes mal leuchtet man die Szenerie aus, engagiert einige HintergrundtänzerInnen und baut die eine oder andere Pointe ein, die auch wirklich zum Lachen ist.

Die Angst des Bloggers vor dem Stillstand

Mit viel Enthusiasmus startet man eine neuen Blog, um dann festuzustellen, dass eigentlich alles beim Alten geblieben ist. Man hat nun zwar einiges mehr an Optionen und Einstellungsmöglichkeiten, aber das Antriebsmoment bleibt das selbe wie anhin. Narzismus? Weltschmerz? Kreativitätsüberschuss? politischer Messianismus? Von allem scheine ich zu wenig zu haben (ausser natürlich von ersterem) um den Blog nach einer ersten Schubphase auch wirklich regelmässig weiterzuführen. Naja. Es wird aber sicher künftig noch den einen oder anderen Beitrag geben.

Der Kowatsch

6. Juli 2005

Er sitzt auf einem chlorophylgrünen Gartenstuhl vor dem Supermarkt an einer russigen Strassenecke in K. und trinkt billigen Wein aus einer dickbauchigen Flasche. Gegenüber steigen aus dem Backsteinschlot einer Plastikverarbeitungsfabrik giftige Wolken, die den Blick auf den grauen Himmel nehmen. Hier findet man ihn im Sommer wie im Winter, den Kopf tief zwischen den Schultern. Sein furchiges Gesicht hebt sich nur schwach vom hellbraunen Mantel ab, aus dessen Taschen stets einige Stofffetzen hängen. Damit putzt er sich ab und an den Schweiss aus Gesicht und Haaren. Einzig seine Hose liesse auf einen ehrbaren Mann schliessen, würden ihre flattrigen Beine nicht unten von klobigen Schuhen abgeschlossen. Kinder machen einen Bogen um den krummen Kerl. Wenn sie in der Gruppe umherziehen werfen sie Kiesel nach ihm. Erwachsene strafen ihn mit einem bösen Blick.
Manchmal murmelt der Mann Satzfragmente vor sich hin. «Es ist nicht die Schwerkraft, die uns runterzieht». Manchmal schreit er auch Unverständliches in die Unweiten des in jeder Hinsicht durchschnittlichen Städtchens hinaus, in dem sich sein tägliches Drama zuträgt. Selten, wenn die beleibte Verkäuferin des Supermarktes gute Laune hat, kriegt er nach Ladenschluss einen Laib Schwarzbrot. Häufiger scheucht man ihn aber mit dem Besen davon. Dann lässt er sich unten am See, dort wo Familien Sonntags die Enten füttern, auf der immerselben sonnengebleichten Bank nieder. Hier wirft er mit Flaschen nach dem Getier im Wasser und krächzt verzückt, wenn er trifft. Es ist auch hier, wo er manchmal von den Männern in den orangen Overalls und den überdimensionierten Besen geweckt wird, wenn er in einer Bierpfütze eingeschlafen ist. Darauf hin geht er auf direktem Weg durch den von Sicherheitsmännern bewachten Park zum Supermarkt, kauft eine Papiertasche voll Ein-Liter-Bierflaschen mit Drehverschluss und setzt sich auf den Gartenstuhl vor dem schmutzigen Schaufenster.
Einst, so erzählt man sich in K., sei er in der genannten Plastikverarbeitungsfabrik am Fliessband gestanden und habe sich Tag für Tag die Finger an den heissen Teilen verbrannt. Irgendwann nach der goldenen Zeit, die der grossen Vernichtung folgte, musste er den Standortinteressen weichen – damals nannte man das noch Entlassung – und durfte eine Uhr und einen feuchten Händedruck mitnehmen in die weite Welt, die für ihn an den Grenzen von K. endet. Man hoffte, er würde zurückgehen in das Land, wo er ihrer Meinung nach hingehörte. Jetzt sitzt er hier und spuckt schwarz-klebrige Klumpen auf den Bürgersteig, auf denen die ehrbaren Bürger und Bürgerinnen auszurutschen drohen.

Berichte aus K.

5. Juli 2005

Es ist nicht die Schwerkraft, die uns runterzieht.

Die Familie Klamm ist tot. Dies soll aber nicht das Ende sein. Ab den nächsten Tagen werden hier regelmässig Berichte aus dem Städtchen veröffentlicht, wo sich der Klamms Trauerspiel ereignete.

Das Ende

4. Juli 2005

Heute findet die Beisetzung der sterblichen Überreste der Klamms statt. Die Beerdigung verläuft ohne grössere Zwischenfälle. Herr Klamms Asche befindet sich in einer Urne. Der Aufprall nach zweiundzwanzig Metern freiem Fall, richtet mit einem menschlichen Körper nur schwierig zu beschreibende Sachen an. Beim Rest der Familie haben die Präparatoren ganze Arbeit geleistet. Einer der Sargträger klemmt seinen Finger im Sarg ein. Er trägt tapfer weiter. Es muss schliesslich weitergehen. Nur die nächsten Verwandten der Klamms sind traurig, dass die Klamms auf dem Sperrmüll landen. Man wird künftig ohne Klamms beisammen sitzen müssen.

Nachtrag II

2. Juli 2005

Heute referiert ein bekannter Psychologe aus einer weit entfernten Stadt im Gemeindehaus. Fast die ganze Einwohnerschaft des Ortes hat sich eingefunden. Der grauhaarige Designerbrillenträger spricht von Gewalt im Abendprogramm, von Computerspielen und von der Verrohung der Sitten. Nichts was man nicht schon in Bild gelesen oder in irgend einer TV-Talkrunde gehört hat. Der Professor erzählt über das Exemplar Klamm: «Der Täter ist nicht nur unfähig, den krankhaften Charakter seines auf sich selbst bezogenen Erlebens zu erkennen, sondern er bezieht auch seine nächste Umgebung in dieses krankhafte Erleben ein». Einige der Zuhörer in den Hinteren Reihen empören sich lautstark über die kuriosen Hypothesen über ihren ehemaligen Arbeitskollegen. Das Einzige was vom Referat hängen bleibt, ist, dass der Soziologe eine enorm umständliche Sprache spricht – die sogenannten Experten der Zeitungen sitzen in den ersten Reihen – und am Schluss des Vortrages sein neustes Buch «Die offene Familie und ihre Feinde» anpreist.




Referer der letzten 24 Stunden: