Der Kowatsch

6. Juli 2005

Er sitzt auf einem chlorophylgrünen Gartenstuhl vor dem Supermarkt an einer russigen Strassenecke in K. und trinkt billigen Wein aus einer dickbauchigen Flasche. Gegenüber steigen aus dem Backsteinschlot einer Plastikverarbeitungsfabrik giftige Wolken, die den Blick auf den grauen Himmel nehmen. Hier findet man ihn im Sommer wie im Winter, den Kopf tief zwischen den Schultern. Sein furchiges Gesicht hebt sich nur schwach vom hellbraunen Mantel ab, aus dessen Taschen stets einige Stofffetzen hängen. Damit putzt er sich ab und an den Schweiss aus Gesicht und Haaren. Einzig seine Hose liesse auf einen ehrbaren Mann schliessen, würden ihre flattrigen Beine nicht unten von klobigen Schuhen abgeschlossen. Kinder machen einen Bogen um den krummen Kerl. Wenn sie in der Gruppe umherziehen werfen sie Kiesel nach ihm. Erwachsene strafen ihn mit einem bösen Blick.
Manchmal murmelt der Mann Satzfragmente vor sich hin. «Es ist nicht die Schwerkraft, die uns runterzieht». Manchmal schreit er auch Unverständliches in die Unweiten des in jeder Hinsicht durchschnittlichen Städtchens hinaus, in dem sich sein tägliches Drama zuträgt. Selten, wenn die beleibte Verkäuferin des Supermarktes gute Laune hat, kriegt er nach Ladenschluss einen Laib Schwarzbrot. Häufiger scheucht man ihn aber mit dem Besen davon. Dann lässt er sich unten am See, dort wo Familien Sonntags die Enten füttern, auf der immerselben sonnengebleichten Bank nieder. Hier wirft er mit Flaschen nach dem Getier im Wasser und krächzt verzückt, wenn er trifft. Es ist auch hier, wo er manchmal von den Männern in den orangen Overalls und den überdimensionierten Besen geweckt wird, wenn er in einer Bierpfütze eingeschlafen ist. Darauf hin geht er auf direktem Weg durch den von Sicherheitsmännern bewachten Park zum Supermarkt, kauft eine Papiertasche voll Ein-Liter-Bierflaschen mit Drehverschluss und setzt sich auf den Gartenstuhl vor dem schmutzigen Schaufenster.
Einst, so erzählt man sich in K., sei er in der genannten Plastikverarbeitungsfabrik am Fliessband gestanden und habe sich Tag für Tag die Finger an den heissen Teilen verbrannt. Irgendwann nach der goldenen Zeit, die der grossen Vernichtung folgte, musste er den Standortinteressen weichen – damals nannte man das noch Entlassung – und durfte eine Uhr und einen feuchten Händedruck mitnehmen in die weite Welt, die für ihn an den Grenzen von K. endet. Man hoffte, er würde zurückgehen in das Land, wo er ihrer Meinung nach hingehörte. Jetzt sitzt er hier und spuckt schwarz-klebrige Klumpen auf den Bürgersteig, auf denen die ehrbaren Bürger und Bürgerinnen auszurutschen drohen.


3 Kommentare

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  1. Umzüge

    Einmal Umzugsankündigung…

    Trackback von /usr/portage — 11. Juli 2005 @ 02:31

  2. tom! ich bin überrascht! noch nicht viel gelesen, aber: schöne sprache. interessante ideen. mach man buch oder so.

    Comment von cherry — 12. Juli 2005 @ 23:30

  3. Danke. :)
    Werds mal in Angriff nehmen.

    Comment von Tioum — 13. Juli 2005 @ 01:51

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