Der Kurz

16. Juli 2005

Die schwarze etwas zu kurz geratene Krawatte über dem weissem Hemd. Den schlecht sitzenden Anzug aus dem Grosshandel immer penibel gebügelt. Das dunkle, leicht schuppige Haar nach hinten gekämmt und an den Seiten sorgfältig unter die Bügel der feindrahtigen Brille gesteckt. Herr Kurz ist so unscheinbar – und wohl auch auswechselbar – wie eine der Zahlen, die er täglich an seinem Computer im Grossraumbüro bearbeitet. Sein Schreibtisch weist Ähnlichkeiten zu einer Zeichnung in einem Geometrieheft der Unterstufe auf. Schreibutensilien, Trinkglas und Telefon befinden sich auf einer Geraden. Parallel dazu verlaufen einige wenige Kabel, die aus Bildschirm und Tastatur des Computers kommen. Im Zentrum des dunkelbraunen Rechtecks, welches sein Schreibtisch bildet, thront der Plasmabildschirm an welchem er sich acht Stunden pro Tag die Augen an vielstelligen Zahlen kaputt sieht.
Zahlen sind ohnehin seine Leidenschaft, ja sein eigentlicher Lebenszweck. Er nennt die Zahl Pi auf neunundvierzig Stellen nach dem Komma. Die Auffahrt vor seinem Reihenhäuschen zählt dreihundertundfünfunddreissig Pflastersteine. Die Promenade am See, wo der Kowatsch zuweilen seine kontemplativen Rechenspiele stört, weist vierunddreissig Bäume auf. Die grösste Menge an Bier, die er je an einem Abend getrunken hat ist sechs Deziliter. Herr Klamm war der dreizehnte Todesfall in der Firma, seit Herr Kurz hier arbeitet. Nichts, was er nicht irgendwie kategorisieren, einordnen, festhalten würde.
Gestern hat er sich bei seinem Vorgesetzten beschwert. Der Neue in der Firma, der den Platz von Herrn Klamm einnimmt, hat seinen Kaffeebecher in der Kantine auf dem Stammtisch von Kurz stehen lassen – schon zum fünften Mal. Er weiss mit der Verantwortung umzugehen, die im sowohl als Angestellter eines branchenführenden Unternehmens als auch als Staatsbürger zukommt. Sieben Graffitis hatte es in der Nachbarschaft. Der Täter ist gefasst, die Schmierereien entfernt. Drei Landstreicher wurden schon mit seiner Mithilfe aus K. entfernt, einzig Kowatsch stellt in dieser Hinsicht noch eine Gefahr für die heile Welt von Kurz dar. Eigentlich geht es ihm gut, schliesslich hat er alles im Griff. Alles fest eingeschnürt ins Zahlenkorsett. Bloss manchmal, wenn er abends alleine im Bett liegt und die Sterne zählt, die er durch das offene Fenster sieht, wünscht er sich eine Frau oder wenigstens eine Katze oder einen Hund. In solchen Momenten schleicht ihm etwas die Kehle rauf und setzt sich in seinem Kopf fest als Wunsch irgendjemandem irgendwas heimzuzahlen. Mit einer AK47 mit vierhunderfünfzehn Millimeter Lauflänge und einer Kadenz von sechshundert Schuss in der Minute.


2 Kommentare

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  1. da braut sich was zusammen… :D

    Comment von torsun — 16. Juli 2005 @ 10:59

  2. Ähnlichkeiten mit existierenden Linken Intellektuellen (z.B. vom Fach der Wertkritik) sind selbstredend rein zufällig, oder? ;-)

    Comment von Lars Strojny — 16. Juli 2005 @ 17:56

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