Streik in der Denkfabrik

4. August 2005

Mangels Einfälle und um das Blog doch nicht ganz ausdörren zu lassen: Recycling. Den Einakter hab ich nach der Teilnahme an einem sogenannten Uni-Streik hingeschrie(b)en.

Personen
Der gescheite Student
Pflichtbewusst aber natürlich kritisch

Die Trotzkistin
Für Volk und Proletariat

Der Herr Unischutz
Bassstimme und klassischer autoritärer Charakter

Die KommunistInnen
Exemplare einer vom Aussterben bedrohten Gattung

Erste und einzige Szene
Spielt in der Aula der Universität

Die Trotzkistin, der gescheite Student, die KommunistInnen und andere bauen eine Barrikade am wichtigsten Punkt, dem Durchgang zu den Vorlesungsräumen. Die Stimmung ist relativ gut, noch sind wenige Menschen in und an der Uni.

Die Trotzkistin (singt):
Wacht auf verdammte dieser Erde, die stets…

Der gescheite Student:
Hey, nu mal nicht so revolutionär, sonst verschrecken wir noch alle. Wir wollen doch unsere Anliegen der breiten Masse…

Die Trotzkistin (während sie eifrig die Barrikadenteile herbeiholt):
Ja, aber der Genosse Trotzki sagt… und der Kommunismus ist an sich ja schon… wir müssen solidarisch mit den… Proletarier aller Länder vereinigt…

Die Barrikade steht, erste brave Studenten und Studentinnen dringen bis zu ihr vor um endlich an den heiss ersehnten Seminaren und Vorlesungen teilnehmen zu dürfen.

Die Trotzkistin (steht singend mit roter Fahne vor den Barrikaden und wiederholt ständig):
Haha, wir streiken hier.
Das Proletariat in Kampfeslaune,
sieh unseren Kampf und staune.
Bildung ist keine Ware,
auf das man für alle spare.
Eine Uni nur für Reiche,
höchstens über meine Leiche.

Nach kurzer Zeit drängt sich eine beachtliche Masse gegen den Druchgang. Die Hinteren stossen die Vorderen. Einige Jus- und Wirtschaftsstudenten geraten in Rage und rufen nach Vaterlandsschutz und Polizei. Recht und Ordnung müssen wieder hergestellt werden. Einige Wenige in der Masse weinen, kleinere Studenten werden im Gedränge niedergetrampelt. Der Herr Unischutz trifft ein.

Der Herr Unischutz (mit Bassstimme):
Nun höret ihr Streikerpack, dass geht nun wirklich nicht.

Die Trotzkistin (hat aufgehört zu singen, die rote fahne hängt etwas):
Nein, du gehörst zum Volk, Bruder.
Alle Räder stehen still,
wenn unser starker Arm es will.
Lass doch mal das Schimpfen sein
und reih dich in den Streik mit ein.

Der Herr Unischutz (erhebt die stimme):
Räumt diese Barrikade und lasst die braven Studenten studieren.

Der gescheite Student:
Genau, Streik ist ja gut, aber man muss die Willigen reinlassen. Wir können zu dreissigst den Vorlesungen fernbleiben. Und dann machen wir dafür eine kreative Aktion – mit Luftballons oder so.

Die Trotzkistin:
Ja aber, der Genosse Trotzki sagt,
ein Streik hat nur gemeinsam einen Sinn.
nur wenn das Kapital geplagt,
geht es schlussendlich auch dahin.

Der Herr Unischutz (brüllt)
Schluss jetzt. Es wird geräumt.

Der Unischutz räumt erste Teile ab, worauf einige KommunistInnen die Sachen wieder hinstellen und sich etwas mit dem Schutz rangeln. Die Masse der Studierenden verhält wie immer: interessiert aber sich strikt in den Bahnen der Konventionen bewegend. Man staunt über die absonderliche Begebenheit in der eigenen Uni, hütet sich aber vor dem direkten Eingreifen und schaut stattdessen ab und zu auf die Armbanduhr ob denn die Vorlesung schon angefangen habe.

Der Herr Unischutz (brüllt nun noch lauter):
Schluss jetzt. Es wird geräumt.
Ich mache sie, Frau Trotzkistin, persönlich für diesen Aufruhr verantwortlich. Das wird Konsequenzen haben.

Die Trotzkistin (sieht plötzlich ihren Abschluss, den Doktortitel, Ehre und Ruhm entfleuchen. murmelt vor sich hin):
Ja aber Genosse Trotzki…
Und Rosa und Karl…
Ich…
Es…
(Über-Ich murmelt sie nicht, obwohls an dieser Stelle wohl am beste gepasst hätte.)

Die Trotzkistin baut mit Hilfe des Herrn Unischutz die Barrikade ebensoschnell wieder ab, wie sie aufgebaut wurde. Sie geht traurig vom Durchgang weg. Man sieht einige Kommunisten und Kommunistinnen, die versuchen den Pöbel und den Unischutz zurückzudrängen. Sie gehen im Gedränge unter, die rote Fahen versinkt – sich ihrer Symbolkraft bewusst – im Mob.

Die Moral
So steht es mit der Radikalität,
man schreit sie raus von Früh bis Spät.
Doch ist das Verbale mal übertreten
und wird um’s Pflichtbewusste gebeten,
ists vorbei damit,
und im Schnitt
ist’s nicht weit her mit der Radikalität,
die rausgeschreien von Früh bis Spät.

Vom gewöhnlichen, sich oftmals kritisch dünkenden Studenten,
sei hier geschwiegen – zumal er sich partout nicht reimen will – ,
denn da lägen
bloss Verduss und Wut noch drin
und das macht in der Moral nun wenig Sinn.


6 Kommentare

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  1. hurra, ich war eine der kommunistInnen! ;)
    also, das stück ist immer noch unglaublich komisch. auf jeden fall eine gute idee, das hier zu posten. es war ohnehin höchste zeit für einen neuen eintrag. und morgen der nächste, gell?

    Comment von cherry — 4. August 2005 @ 05:13

  2. komisch, und wahr

    Comment von c_z — 4. August 2005 @ 07:12

  3. Der Style des antideutschen Katechismus hat wohl seine Spuren hinterlassen, hehe.

    Comment von Dorsch — 4. August 2005 @ 09:24

  4. traurig, und wahr

    Comment von Tapete — 4. August 2005 @ 10:28

  5. dorsch: ne, in der schweiz nicht.

    Comment von cherry — 6. August 2005 @ 22:05

  6. Ja, das ist wahrlich witzig. Ein kleines aber feines Meisterstück (anti-) linker Komik.

    Comment von Lars Strojny — 10. August 2005 @ 19:12

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