Adorno vs. Krahl (1)

11. Mai 2006

«Nach Auschwitz und Hiroshima ihn [den Rückfall in die Barbarei] für die Zukunft zu erwarten, hört auf den armseligen Trost, es könne immer noch schlimmer werden. Die Menschheit, die das Schlimme ausübt und über sich ergehen läßt, ratifiziert dadurch das Schlimmste: man muß nur dem Gewäsch von den Gefahren der Entspannung lauschen. Fällige Praxis wäre allein die Anstrengung, aus der Barbarei sich herauszuarbeiten. (…)
Was vor fünfzig Jahren der allzu abstrakten und illusionären Hoffnung auf totale Veränderung für eine kurze Phase noch gerecht erscheinen mochte, Gewalt, ist nach der Erfahrung des nationalsozialistischen und stalinistischen Grauens und angesichts der Langlebigkeit totalitärer Repression unentwirrbar verstrickt in das, was geändert werden müßte. (…) Entweder die Menschheit verzichtet auf das Gleich um Gleich der Gewalt, oder die vermeintlich radikale politische Praxis erneuert das alte Entsetzen. Schmählich wird die Spießbürgerweisheit, Faschismus und Kommunismus seien dasselbe, oder die jüngste, die ApO hülfe der NPD, verifiziert.» (Theodor W. Adorno)

vs.

«Adornos gesellschaftstheoretische Einsicht, derzufolge «das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie» anzusehen sei, liess seine progressive Furcht vor der faschistischen Stabilisierung des restaurierten Monopolkapitalismus in regressive Angst vor den Formen praktischen Widerstands gegen diese Tendenz des Systems umschlangen.
Er teilt die Ambivalenz des politischen Bewusstseins vieler kritischer Intellektueller in Deutschland, die projizieren, die sozialistische Aktion von links setze das Potential des faschistischen Terrors von rechts, das sie bekämpft, überhaupt erst frei. Damit aber ist jede Praxis a priori als blind aktionistisch denunziert und die Möglichkeit politischer Kritik schlechthin boykottiert nämlich die Unterscheidung zwischen einer im Prizip richtigen vorrevolutionären Praxis und deren kinderkranken Erscheinungsformen in entstehenden revolutionären Bewegungen.» (Hans-Jürgen Krahl)


1 Kommentar

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  1. „während gewalt dort, wo sie in einem transparenten zusammenhang zu der herbeiführung menschenwürdiger zustände auch in ganz eingengten situationen führt, nicht ohne weiteres als barbarei verurteilt werden kann“ und kurz später („Im gegenteil: das lämmchjenhafte ist selber wahrscheinlich nur eine form des babarischen, indem es nähmlichj bereit ist, das abscheuliche mit anzusehen und im entscheidenen augenblick sich zu ducken.“ (Adorno april1968)

    ich vermute allerdings die die marginalien jünger sind, hab auf den ersten blick ins netz aber kein datum gefunden.

    Comment von ugly — 22. Mai 2006 @ 11:53

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