Adorno vs. Krahl (2)

11. Mai 2006

«In der Kulturindustrie ist das Individuum illusionär nicht bloß wegen der Standardisierung ihrer Produktionsweise. Es wird nur so weit geduldet, wie seine rückhaltlose Identität mit dem Allgemeinen außer Frage steht. (…) Nicht indem sie ihm die ganze Befriedigung gewährten, haben die losgelassenen Produktionskolosse das Individuum überwunden, sondern indem sie es als Subjekt auslöschten.»

«Das Subalterne wächst an, nachdem es mit der Revolution erging wie einst mit der Wiederkunft des Messias. Die materialistische Theorie wurde nicht bloß ästhetisch defekt gegenüber dem ausgehöhlt Sublimen des bürgerlichen Bewußtseins, sondern unwahr. Das ist theoretisch bestimmbar.»

«Klassenkampf setzt objektiv einen hohen Grad sozialer Integration und Differenzierung, subjektiv ein Klassenbewußtsein voraus, wie es erst in der bürgerlichen Gesellschaft rudimentär entwickelt wurde. Nicht neu, daß Klasse selbst, die gesellschaftliche Subsumtion von Atomen unter einen Allgemeinbegriff, der die ebenso für sie konstitutiven wie ihnen heteronomen Beziehungen ausdrückt, strukturell ein Bürgerliches sei.» (Theodor W. Adorno)

vs.

«Es scheint, als sei Adorno durch die schneidende Kritik am ideologischen Dasein des bürgerlichen Individuums hindurch unwiderstehlich in dessen Ruine gebannt. (…) Das monadologische Schicksal des durch die Produktionsgesetze der abstrakten Arbeit vereinzelten Individuums spiegelt sich in seiner intellektuellen Subjektivität. Daher vermochte Adorno die private Passion angesichts des Leidens der Verdammten dieser Erde nicht in eine organisierte Parteilichkeit der Theorie zur Befreiung der Unterdrückten umzusetzen.
(…)
In seiner Ideologiekritik am Tod des bürgerlichen Individuums zittert ein Moment berechtigter Trauer nach. Doch über diese radikalisierte letzte Bürgerlichkeit seines Denkens konnte Adorno im hegelschen Sinn dieses Begriffs nicht immanent hinausgehen. Er blieb an sie mit furchtsamem Blick auf die schreckliche Vergangenheit fixiert: das immer zu spät kommende Bewusstsein dessen, der erst in der Dämmerung zu begreifen anfängt.» (Hans-Jürgen Krahl)

Adorno vs. Krahl (1)

«Nach Auschwitz und Hiroshima ihn [den Rückfall in die Barbarei] für die Zukunft zu erwarten, hört auf den armseligen Trost, es könne immer noch schlimmer werden. Die Menschheit, die das Schlimme ausübt und über sich ergehen läßt, ratifiziert dadurch das Schlimmste: man muß nur dem Gewäsch von den Gefahren der Entspannung lauschen. Fällige Praxis wäre allein die Anstrengung, aus der Barbarei sich herauszuarbeiten. (…)
Was vor fünfzig Jahren der allzu abstrakten und illusionären Hoffnung auf totale Veränderung für eine kurze Phase noch gerecht erscheinen mochte, Gewalt, ist nach der Erfahrung des nationalsozialistischen und stalinistischen Grauens und angesichts der Langlebigkeit totalitärer Repression unentwirrbar verstrickt in das, was geändert werden müßte. (…) Entweder die Menschheit verzichtet auf das Gleich um Gleich der Gewalt, oder die vermeintlich radikale politische Praxis erneuert das alte Entsetzen. Schmählich wird die Spießbürgerweisheit, Faschismus und Kommunismus seien dasselbe, oder die jüngste, die ApO hülfe der NPD, verifiziert.» (Theodor W. Adorno)

vs.

«Adornos gesellschaftstheoretische Einsicht, derzufolge «das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie» anzusehen sei, liess seine progressive Furcht vor der faschistischen Stabilisierung des restaurierten Monopolkapitalismus in regressive Angst vor den Formen praktischen Widerstands gegen diese Tendenz des Systems umschlangen.
Er teilt die Ambivalenz des politischen Bewusstseins vieler kritischer Intellektueller in Deutschland, die projizieren, die sozialistische Aktion von links setze das Potential des faschistischen Terrors von rechts, das sie bekämpft, überhaupt erst frei. Damit aber ist jede Praxis a priori als blind aktionistisch denunziert und die Möglichkeit politischer Kritik schlechthin boykottiert nämlich die Unterscheidung zwischen einer im Prizip richtigen vorrevolutionären Praxis und deren kinderkranken Erscheinungsformen in entstehenden revolutionären Bewegungen.» (Hans-Jürgen Krahl)

……

10. Mai 2006

«Wenn man das Entsetzen der heutigen Welt über die Lustmorde, besonders über Angriffe auf Kinder erfährt, könnte man glauben, daß ihr das Menschenleben und die gesunde Entwicklung des Individuums heilig wäre. Doch abgesehen davon, daß der große Abscheu von jenen Verbrechen meist seine besonderen psychischen Quellen hat, krepieren ja die Kinder zu Hunderttausenden, und der Mehrzahl der Überlebenden macht man die Wirklichkeit zur Hölle, wobei sich gar kein Abscheu in den so leicht entflammbaren Herzen regt. Die Kinder der Armen sind im Frieden zukünftiges Material der Ausbeutung und im Krieg das Ziel der Sprengstoffe und Giftgase.» (Max Horkheimer)

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9. Mai 2006

«Mehr als jede frühere Periode der jüngsten Geschichte ist unsere Zeit nicht eine Zeit der Revolution, sondern der Konterrevolution. Das ist gleichermaßen wahr, ob wir nun diesen vergleichsweise neuen Begriff der Gesellschaftswissenschaften als bewußte Gegenaktion gegen einen vorausgegangenen revolutionären Prozeß definieren, oder ob wir ihn – gemeinsam mit einigen Italienern der jüngsten Vergangenheit und ihren Vorläufern im Nachkriegsfrankreich – im wesentlichen als «präventive Konterrevolution» verstehen.» (Karl Korsch)

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7. Mai 2006

Professor X: Wenn Sie an die Macht kommen, stellen Sie mich sicher an die Wand!

Johannes Agnoli: Wo denken Sie hin, Herr Professor. Wenn wir an die Macht kommen, sind Sie auf unserer Seite. Sie sind doch immer auf der Seite der Macht.

6. Mai 2006

«Der Riss, der durch die Welt geht, läuft auch durchs Ich.» (Peter Brückner)

Fetzen

2. April 2006

Und noch während man – den Drink in der Hand – denkt, dass man dann irgendwann nach Hause gehe, treiben schon grosse glitzernde Ohrringe an einem vorüber, bewegt sich eine über die Schulter geworfene weisse Damenhandtasche vorbei und kreuzt sich mit einem modischen Kleid. Werfen sich eilig eine paar geschminkte Lippen in den Strom, den Klippen aus starrenden Gesichtern entgegen. Man findet sich zurückgeworfen auf die eigenen Sinne. Rundherum bewegt sich im Takt der Strom und auf einer Grossleinwand irgendwo im Rückraum quält sich Johnny Cash. Im Strom bildet sich ein Strudel um glänzend blonde Haare. Keine Überlegenheit, man steht nicht auf einer Anhöhe und schaut in den Fluss, man steht mitten drin. Schlecht absorbiert. Bloss ein Stein auf dem Grund und es wird einem leicht übel. Flucht. Dunkles Zimmer. Kopfhörer. E-Gitarre. A-Moll. Im Takt. Kein Strom. Nur der eigene Kopf, der im Takt wiegt. Irgendwann entschlafen.

Stoiber erklärt den Transrapid

26. Januar 2006

Bundeskanzlerkandidat aD erklärt den Transrapid oder so.

Kuriose Referers

4. Januar 2006

Das hat mir Frau Klamm eingebrockt:

Google: Feng Shui Bett Mann Frau Seite

In Bernau scheint die Sonne nie…

31. Dezember 2005

Ein kleiner Kommentar zu einer fast beliebig ausgewählten Passage aus einem semiintellektuellen Groschenroman aus Bernau, der allem Anschein nach die Auflösungserklärung einer politischen Gruppe ist. War mir dann doch zu langatmig und selbstverliebt (das soll man dann doch bitte auf Blogs wie diesem ausleben), als dass ich weiter als bis zur zitierten Stelle gelesen habe.

Diese Bewegung war nicht mehr und nicht weniger, als das, was der hemmungsloser Wahnsinn des linken Gesindels, anders deren psychopathologische Projektionsleistung legitimiert: die Konstruktion einer Gemeinschaft, die Isolierung des Anderen und der konsequente Vernichtungswunsch im Fall der Fälle.

Kann Wahnsinn eigentlich hemmungslos sein? Und falls es hemmungslosen Wahnsinn gibt, welcher Wahnsinn ist es dann nicht? Der der AJAB, weil er so selbstreflexiv ist? Ist Gesindel im übrigen nicht aus der Mottenkiste der Eugeniker entlehnt, oder erinnert zumindest stark an diese? Und sollte der Begriff nicht zumindest diese Konnotation aufweisen, sondern korrekt etymologisch hergeleitet sein, beträfe es dann nicht vielmehr die AJABler selbst, die sich in den unbedingten Gesellendienst der exlinken Regression gestellt haben? Eine Position, die selber von pathischen Projektionen getragen wird, auf psychopathologische hingegen verzichtet wie die Projektion an sich. Wenn man schon Freud ständig im Munde führt, sollte man schonmal einen Blick in seine Schriften werfen und nicht einfach alles von Dahlmann und anderen stilbildenden Ikonen nachplappern. Und bitte, wenn man schon mehr als eigenartige Wortkombinationen schustert, sollte man wenigstens die Sätze so konstruieren, dass sie Sinn ergeben. Wer legitimiert da nochmals wen? Und wieso macht der das? Und macht «ihr» – jene konstruierte Gemeinschaft (Achtung: Faschismus!) – das nicht auch? Und wenn nicht, warum isoliert ihr denn dann dieses Andere und wäre das nicht wahnsinnig böse? Fragen über Fragen. Zum Glück habe ich den Rest nicht gelesen, sonst sässe ich morgen noch hier. Eine letzte Frage sei aber noch gestattet, sie steht in direktem Zusammenhang mit dem konsequenten Vernichtungswunsch:

Wie ging der Romero-Evergreen nochgleich?
Ach ja: «Sofort in den Kopf schiessen»




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