Das Ende

4. Juli 2005

Heute findet die Beisetzung der sterblichen Überreste der Klamms statt. Die Beerdigung verläuft ohne grössere Zwischenfälle. Herr Klamms Asche befindet sich in einer Urne. Der Aufprall nach zweiundzwanzig Metern freiem Fall, richtet mit einem menschlichen Körper nur schwierig zu beschreibende Sachen an. Beim Rest der Familie haben die Präparatoren ganze Arbeit geleistet. Einer der Sargträger klemmt seinen Finger im Sarg ein. Er trägt tapfer weiter. Es muss schliesslich weitergehen. Nur die nächsten Verwandten der Klamms sind traurig, dass die Klamms auf dem Sperrmüll landen. Man wird künftig ohne Klamms beisammen sitzen müssen.

Nachtrag II

2. Juli 2005

Heute referiert ein bekannter Psychologe aus einer weit entfernten Stadt im Gemeindehaus. Fast die ganze Einwohnerschaft des Ortes hat sich eingefunden. Der grauhaarige Designerbrillenträger spricht von Gewalt im Abendprogramm, von Computerspielen und von der Verrohung der Sitten. Nichts was man nicht schon in Bild gelesen oder in irgend einer TV-Talkrunde gehört hat. Der Professor erzählt über das Exemplar Klamm: «Der Täter ist nicht nur unfähig, den krankhaften Charakter seines auf sich selbst bezogenen Erlebens zu erkennen, sondern er bezieht auch seine nächste Umgebung in dieses krankhafte Erleben ein». Einige der Zuhörer in den Hinteren Reihen empören sich lautstark über die kuriosen Hypothesen über ihren ehemaligen Arbeitskollegen. Das Einzige was vom Referat hängen bleibt, ist, dass der Soziologe eine enorm umständliche Sprache spricht – die sogenannten Experten der Zeitungen sitzen in den ersten Reihen – und am Schluss des Vortrages sein neustes Buch «Die offene Familie und ihre Feinde» anpreist.

Nachtrag I

1. Juli 2005

Die Klamms waren ganz gewöhnliche Leute, wie sie und ich. Sie haben ein wenig zurückgezogen gelebt, aber in dieser schwierigen und gefährlichen Zeit ist das ja verständlich. Sie grüssten auf der Strasse immer freundlich und sind nie schlecht aufgefallen. Dies gibt ein Nachbar der versammelten Presse zu Protokoll. An Herrn Klamms Arbeitsplatz erfährt ein investigativ sich dünkender Journalist, dass man überrascht ist – ausgerechnet der Klamm. Er sei doch nie laut oder aufmüpfig gewesen, im Gegenteil habe er seinen Job immer pflichtbewusst gemacht. Das kleine Städtchen trägt Trauer. Die Nation ist schockiert. Einzig die Feng-Shui-Beraterin der Frau Klamm behauptet, sie habe immer schon schlechte Schwingungen bei den Klamms gespürt. Sie erhält für die exklusive Aussage ein Honorar von der Bildzeitung. Ihr Kundenstamm wird sich in den nächsten zwei Monaten um zweihundervierundfünfzig Prozent vergrössern.

Donnerstag III

30. Juni 2005

Heute holt sich Herr Klamm den grössten Schraubenschlüssel aus der selbstgezimmerten Haltevorrichtung. Er geht in die Zimmer der schlafenden Kinder und schlägt ihnen mit dreiungzwanzig und fünfzehn Schlägen die kleinen Schädel ein. Dann schleicht er sich nach oben, wo seine Frau schläft. Hier braucht er zweiundfünzig Schläge bis er zur Ruhe kommt – wie später ein älterer Angestellter im forensischen Dienst einem bleichen Kollegen erklären wird. Herr Klamm steigt in sein Auto und fährt in angemessenem Tempo eine Viertelstunde, bis er auf einer Autobahnbrücke anhält. Er parkt das Auto und springt von der Brücke zweiundzwanzig Meter in die Ungewissheit. Man wird später einen Gitterzaun an der Brücke anbringen.

Mittwoch III

29. Juni 2005

Klamms Nachbarn feieren heute irgend so ein fremdländisches Ritualfest im Garten. Herr Klamm steigt aufs Dach um zu überprüfen, ob die Sache auch sittlich von Statten geht. Es ist lärmig und man sieht ab und zu Männer, die obszön gestikulieren. Frau Klamm ruft die Polizei. Diese hat aber keine Handhabe um gegen die Nachbarn vorzugehen. Frau Klamm flucht über die Nachbarn und die Zeremonie. Herr Klamm flucht über den Staat und die Fremden. Die Kinder über die Schule und ihre Eltern.

Dienstag II

Heute fährt Herr Klamm mit dem Auto zur Arbeit. Dort bleibt er acht und eine halbe Stunde. Dann fährt er nach Hause und schaut gemeinsam mit Frau Klamm einige Stunden fern: in München zerlegt ein 22jähriger Mann Frauen mit dem Samurai-Schwert, im italienischen Bogogno erschiesst ein Amokläufer drei Menschen, in Dortmund vergewaltigen vier Männer eine 14jährige. Herr Klamm und Frau Klamm gehen ins Bett, man muss morgen wieder früh raus.

Montag II

28. Juni 2005

Herr Klamm hört heute am Nachbartisch in der Kantine, dass in der Firma Stellen gestrichen werden müssen. Herr Klamm findet das in Ordnung, schliesslich muss die Firma funktionieren. Ein wenig flau im Magen wird ihm aber schon, als die Sekretärin des Chefs ihn in die sonnendurchflutete Teppichetage zitiert. Es geht nur um die kommende Hochzeit des Chefs. Eigentlich wollte Herr Klamm bei Gelegenheit mal um eine kleine Gehaltserhöhung bitten. Das lässte er jetzt aber und konzentriert sich um so mehr auf die Zahlen, die den Bildschirm des Dell-Computers ausfüllen.

Sonntag II

27. Juni 2005

Die Sonne scheint vom Himmel, als sei die Erde einige tausend Kilometer näher ans Zentrum des Sonnensystems gerückt. Bei Klamms sind die dunkelgrünen Jalousinen runtergelassen. Im Inneren des Reihenhäuschens drehen verschiedene Ventilatoren und wirbeln die heisse Luft durcheinander. Man beschliesst neben der Alarmanlage auch eine Air-Condition zu kaufen. Man wird nächstes Jahr wohl auch nicht in die Ferien fahren.

Samstag II

25. Juni 2005

Frau Klamm geht heute mit ihrer Freundin vom Yoga ins Kino. Man schaut «die Geschichte vom weinenden Kamel». Herr Klamm bleibt zuhause und schaut «die schmutzigen Abenteuer der Mademoiselle F.». Frau Klamm hat das Bedürfnis zu reden, als sie nach Hause kommt. Herr Klamm hat anderes im Sinn. Man scheitert.

Freitag II

24. Juni 2005

Frau Klamm breitet heute Prospekte mit farbigen Bildern von Palmen, Strand und Meeresbuchten auf dem grünen Tisch in der Wohnstube aus. Sie will in die Ferien fahren. Nach Gran Canaria, auf die Malediven oder in die Türkei. Das Realitätsprinzip – verkörpert in Herrn Klamm – sperrt diesen Wunsch aber sogleich wieder in die farbigen Bilder. Man hatte ausgemacht, dass man das Geld benötigt. Man will die Hecke im Garten durch eine Holzwand ersetzen und sich für das Haus eine Alarmanlage anschaffen.