Im Allgemeinen (Kummer 3)

18. März 2006

Der Bankomat um die Ecke wollte kein Geld ausspucken und so sah sich Klaus gezwungen auf alternativem Wege einen Schuh zu beschaffen. Scheinbar war das Gewaltmonopol des Staates nicht mit dem Bundestag verdampft, denn in der Nähe der Bank betranken sich zwei Uniformierte mit Eierlikör, während aus ihrem Einsatzwagen Funksprüche drangen. Entsprechend wäre der Gebrauch der unter dem Kopfkissen versteckten 9-Millimeter Halbautomatik mit gewissen Konsequenzen verbunden gewesen. So machte sich Klaus zwangsläufig ohne Gewalt- und Tauschmittel auf Richtung Supermarkt. In der Nähe der Bruchstelle traf er auf einen Mann, der in ausgelatschten Birkenstocksandalen auf einem ausgedienten Canon-Farbkopierer stand und durch einen Blechtrichter lauthals verkündete, dass die Welt im Allgemeinen ohnehin so unangenehm sei, dass der Verlust eines Zwölftels ihrer Landmasse nicht besonders in Gewicht falle. Klaus hätte dieser Aussage ausserhalb physikalischer Erwägungen vollumfänglich zugestimmt, wäre da nicht sein linker Schuh gewesen, der mit Reichstag, Salamifabrik und Europapark in der Sonne verglüht war.

Schuhe (Kummer 2)

28. Februar 2006

Während die Salamifabrik in der Klaus seine Arbeitskraft verschlissen hatte zwischen Venus und Merkur dahin raste, trottete Klaus nach Hause, mit dem gekringelten Socken am linken Fuss die feuchte Witterung aufsaugend. Zu Hause angekommen warf er sich noch im Überzieher steckend auf seine unbezogene Matratze und döste augenblicklich weg. Er stand erst wieder auf, als die Salamifabrik und damit seine Einkommensquelle längst in der Sonne verglüht war. Im Fernseher hielt gerade der Schweizer Bundespräsident eine Ansprache, in der es um tiefstes Mitleid mit irgendwelchen Familien und ein scheinbar höchst gewichtiges Treffen höchst gewichtiger Herren ging. Klaus war das alles relativ egal. Er musste sich erstmal einen neuen Schuh organisieren. Denn ohne Schuhe, das hatte schon sein Grossvater erklärt, der mit zerschlissenen Füssen irgendwo vor Stalingrad im Schnee liegen geblieben war, hat der Mensch keine Zukunft. So machte sich Klaus auf um für seinen übrig gebliebenen Latschen ein Gegenstück zu finden.

Die Bruchstelle (Kummer 1)

24. Februar 2006

Früh an einem Donnerstagmorgen im Januar brach in der Nähe von Offenbach etwa ein Zwölftel der Welt ab und stürzte, um die eigene Achse rotierend, in den noch dunkelblauen Himmel. Das Ganze hatte sich bereits Jahre zuvor abgezeichnet, doch keine Massnahme der verschiedenen Bundes- und Staatsämter für Geologie und Physik hatte gefruchtet. Selbst der komplette Wechsel des geologischen Personals vermochte dem Verlauf der Dinge keine entscheidende Wendung zu geben. Klaus Kummer stand an diesem Morgen genau an der Abbruchstelle und verlor beim Unglück seinen linken Schuh. Nicht dass sich Klaus keine neuen Schuhe hätte kaufen können, aber er ärgerte sich des verlorenen Geldes wegen. Schliesslich schuftete er täglich dafür. Und dummerweise war die Fabrik in welcher er bis anhin sein Leben verdingt hatte auf just jenem Stück Erde angesiedelt, welches wenige Stunden später die Venus streifte und dabei die Landmasse von Norilsk bis Workuta verlor.