Freunde der himmlischen Gesellschaft

7. Juni 2006

Es ist schwer zu glauben, dass die «Freunde der offenen Gesellschaft» bloss zufällig ein biblisches Motiv für ihre Veranstaltungsreihe zur Ehrrettung der Totalitarismustheorie gewählt haben. Man mag hier keine unbewussten Motive anführen, wie sie der Kritischen Theorie von der FdoG unterstellt werden, aber erstaunen kann es ob der penetranten Apologie der «christlichen Zivilisation» auch nicht wirklich. Es fällt schwer, ob soviel Irr- und Blödsinn an einem bestimmten Punkt mit der Kritik zu beginnen und es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis diese selbstzufriedenen Herren Noltes «kausalen Nexus» oder die ideologische Vorreiterrolle von Rosa Luxemburg für den Djihad entdecken. So erstaunt es dann auch nicht, dass an der Veranstaltung ein «Zivilisationstheoretiker» wie Gunnar Heinsohn auftritt, der in Bezug auf die Bombardierung Dresdens gerne mal von «Demozid» oder bei politischen Morden – sofern sie denn von totalitären Regimen begannen werden – von «Politzid» spricht. Was anderes soll man auch von einem Referenten erwarten, der Auschwitz in einem Wisch mit dem «Gulag-System», dem Genozid an den «Tutsis» und «vormodernen Grausamkeiten» abhandelt? Dass der selbe Schwadroneur des Totalitarismus die bürgerliche Gesellschaft aus der Kritik nimmt, indem er ihre Kriege aus einem «Überschuss» an jungen Männern «ohne Zukunft» erklärt, ist wohl nicht mehr ohne psychologische Kategorien zu erklären – auf den Referenten selbst angewandt. Vielleicht merkt das aber niemand, denn am Tag zuvor hat Gerd Habermann, der Vorsitzende der Hayek-Gesellschaft, die Köpfe bereits dergestalt sturmreif geschossen dass die imaginierte kommunistische Anhöhe ohne Probleme eingenommen werden dürfte. Und sollte bei den ZuhörerInnen noch sowas wie Restverstand vorhanden sein, so können die Bombenthomasse (Osten-Sacken und Uwer) ihre Geschosse droppen, auf dass sie das Publikum soweit zurichten, dass sie auch ja nicht mitkriegen, wie absurd sich die Kritik an der «extrem unterkomplexen» (Grüsse auch an Luhmann) und «grotesk verzerrenden» Kritischen Theorie anhört, welche ja schliesslich «dem Bedürfnis nach einer schnellen und einfachen Lösung für alle Menschheitsprobleme» entspringe. Als erstes würde mir als Kommunist eine schnelle und einfache Auflösung der FdoG reichen. Wobei, dann hätte das geneigte Publikum nicht mehr soviel zu lachen und die (bürgerliche) Welt wäre um einen ihrer komischsten Apologeten betrogen. Und das will man dann ja doch nicht.

Der Haken «Privateigentum»

22. März 2006

Auf dem GMX-Nachrichten-Portal kann man heute folgendes lesen:

«Jeden Tag sterben nach Angaben der Vereinten Nationen 6000 Menschen an Wassermangel oder Wasserverunreinigung – aller 15 Sekunden stirbt aus diesen Gründen ein Kind. Wie das UN-Kinderhilfswerk UNICEF am Dienstag einen Tag vor dem Weltwassertag weiter mitteilte, leiden rund 400 Millionen Kinder unter der ungenügenden Wasserversorgung.»

Nun haben sind aber gewiefte Wissenschafter daran gemacht, dafür eine «Lösung» zu erarbeiten:

«Eine blaue Plastikröhre von der Größe einer Blockflöte könnte in Zukunft zahlreichen Menschen in Krisengebieten das Leben retten. Anstatt große Filter zu installieren, trinken die Menschen das Wasser einfach durch Trinkröhren, die bereits alle nötigen Filter enthalten. Eine dänische Firma hat damit der Wendung „sich an den letzten Strohhalm klammern“ nun eine neue Bedeutung gegeben: Der „LifeStraw“, der in diesen Wochen auf den Markt kommt, soll seinem Besitzer ein ganzes Jahr lang sauberes Wasser verschaffen…»

Auch grosse Filter wären im Grunde kein Problem, wenn man sich bloss mal die Produktivkraft unserer Gesellschaft anschaut. Den Haken dabei erklärt der GMX-Artikel in Bezug auf die «blauen Plastikröhre» gleich selbst als Nebensatz:

«…und das für gerade mal etwa 3,50 Euro.»

Kritik des Opiums

3. März 2006

Wer heute als kritischer Kritiker etwas auf sich hält, der weiss um die Dringlichkeit, die ganz eigene Idiotie des Islams zu kritisieren – dass Religion Idiotie ist, sei hier unbestritten. Dabei stürzt und stützt man sich auf die Schriften des Irrglaubens und leitet daraus dann die Praxis der Moslems ab. Könnte man das Ganze auch einfach rechts liegen lassen, so lässt es doch aufhorchen, dass diese «Kritik» auch und gerade von Leuten betrieben wird, die sich auf Marx beziehen. Richtig: Auch Marx übte Religionskritik als «Voraussetzung aller Kritik», nur war die marxsche Religionskritik immer eine Kritik an der Gesellschaft. Marx schreibt:

«Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. (…) Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.» (Karl Marx; MEW 1: 378f)

Wenn nun zum Beispiel im KF der User «Die Hilton» die Zwangsbeschneidungen von Frauen in einem direkt kausalen Zusammenhang mit der spezifisch islamischen Ausformung des Irrglaubens behauptet, dann macht er nichts anderes als alles falsch (zumal es empirisch schon Blödsinn ist) – ebenso falsch wie seine «GenossInnen», die noch jede Barbarei aus dem Koran ableiten. Er erklärt nämlich nicht die Praxis aus den gesellschaftlichen Bedingungen, welche über die religiöse Schrift legitimiert wird. Nein. Er leitet implizit die unglaubliche Praxis direkt aus der religiösen Schrift ab und erklärt damit, dass die Religion – zwar nicht den Menschen –, aber eben doch seine Praxis hervorbringe.

NB: Bibel- oder Koranexegese überlass ich auch künftig den Post-Antideutschen und jenen, die glauben sich auf dieser Ebene mit ihnen rumschlagen zu müssen.

Was geht Konkret?

6. August 2005

Da ich mich dank Aboprämie Besitzer der Marcuse-Schriften in neun Bänden nennen darf, habe ich die «Konkret» für zwei Jahre monatlich im Briefkasten. Unterdessen ist mir das Heft langweilig geworden. Die Argumentation ist bekannt, der Gegenstand wechselt zwar, die Schlussfolgerungen sind aber bereits vorher bekannt. Ärgerlich ist zudem, dass Horst Pankow – ehemaliger Linksabweichler der Bahamas, heute Rechtsüberholer – seinen nur schlecht getarnten rassistischen Dreck darin publiziert. Regelmässig in jeder Ausgabe einen Artikel. In der neusten Ausgabe fand ich jedoch keinen Text von Pankow. Ob dies in einem Zusammenhang steht mit der Kolumne von Herausgeber Gremliza, der neuerlich einen seiner beliebten politischen Schwenker andeutet? Bricht dieser doch mit einer von Pankow und der antideutschen Gemeinde gehegten Sicherheit: Der Koran sei der Schlüssel zum Verständnis des Islamismus ergo des neuen Nationalsozialismus (welcher mit Sack und Pack aus Deutschland ausgewandert sei und sich in unzivilisierten Landen niedergelassen habe).
Auch wenn die Kolumne recht plump daherkommt ist sie doch ein Schritt weg vom Ressentiment hin zur materialistischen Analyse. Plump ist sie, weil Sachen wie folgendes drin stehen: «Islam ist, wo Elend, Islamismus, wo zuviel Elend ist» oder «Wer Lohn, Auto, ein Häusschen hat, braucht keine Kirche». Es soll hier nicht der Zusammenhang zwischen Elend und Sinn- oder Erlösungssuche betritten werden, aber den undialektischen Materialismus überlässt man besser Sozio- und anderen Ideologen. Ein Schritt weg vom Ressentiment ist die Kolumne aber, weil auch Sachen drinstehen, wie folgendes: «Statt die Motive der Mörder aus dem Koran und anderen heiligen Kaffeesätzen zu lesen, müsste der Westen zugeben, was Religion [hier fehlt ein «auch»] ist: ein Kind der Not» oder «Weil die zivilisierte Welt weder besonders zivilisiert ist noch eine Wertegemeinschaft, sondern ein Haufen nationaler Kapitale, die sich in wechselnden Bündnissen um die Beute balgen, welche noch die ärmsten Regionen der Erde hergeben, sind sie unfähig zu solcher Remedur [Es geht hier um eine effektive Bekämpfung des Terrorismus, also nach Gremliza des Elends] und machen den Mördern nur neuen Mut.» Man wird sehen, ob das nur kurzer Seitenwind ist, natürlich auch immer mit Blick auf die Abonnentenzahlen. Oder ob am Ende gar der Pankow durch Elsässer ersetzt wird…

Streik in der Denkfabrik

4. August 2005

Mangels Einfälle und um das Blog doch nicht ganz ausdörren zu lassen: Recycling. Den Einakter hab ich nach der Teilnahme an einem sogenannten Uni-Streik hingeschrie(b)en.

Personen
Der gescheite Student
Pflichtbewusst aber natürlich kritisch

Die Trotzkistin
Für Volk und Proletariat

Der Herr Unischutz
Bassstimme und klassischer autoritärer Charakter

Die KommunistInnen
Exemplare einer vom Aussterben bedrohten Gattung

Erste und einzige Szene
Spielt in der Aula der Universität

Die Trotzkistin, der gescheite Student, die KommunistInnen und andere bauen eine Barrikade am wichtigsten Punkt, dem Durchgang zu den Vorlesungsräumen. Die Stimmung ist relativ gut, noch sind wenige Menschen in und an der Uni.

Die Trotzkistin (singt):
Wacht auf verdammte dieser Erde, die stets…

Der gescheite Student:
Hey, nu mal nicht so revolutionär, sonst verschrecken wir noch alle. Wir wollen doch unsere Anliegen der breiten Masse…

Die Trotzkistin (während sie eifrig die Barrikadenteile herbeiholt):
Ja, aber der Genosse Trotzki sagt… und der Kommunismus ist an sich ja schon… wir müssen solidarisch mit den… Proletarier aller Länder vereinigt…

Die Barrikade steht, erste brave Studenten und Studentinnen dringen bis zu ihr vor um endlich an den heiss ersehnten Seminaren und Vorlesungen teilnehmen zu dürfen.

Die Trotzkistin (steht singend mit roter Fahne vor den Barrikaden und wiederholt ständig):
Haha, wir streiken hier.
Das Proletariat in Kampfeslaune,
sieh unseren Kampf und staune.
Bildung ist keine Ware,
auf das man für alle spare.
Eine Uni nur für Reiche,
höchstens über meine Leiche.

Nach kurzer Zeit drängt sich eine beachtliche Masse gegen den Druchgang. Die Hinteren stossen die Vorderen. Einige Jus- und Wirtschaftsstudenten geraten in Rage und rufen nach Vaterlandsschutz und Polizei. Recht und Ordnung müssen wieder hergestellt werden. Einige Wenige in der Masse weinen, kleinere Studenten werden im Gedränge niedergetrampelt. Der Herr Unischutz trifft ein.

Der Herr Unischutz (mit Bassstimme):
Nun höret ihr Streikerpack, dass geht nun wirklich nicht.

Die Trotzkistin (hat aufgehört zu singen, die rote fahne hängt etwas):
Nein, du gehörst zum Volk, Bruder.
Alle Räder stehen still,
wenn unser starker Arm es will.
Lass doch mal das Schimpfen sein
und reih dich in den Streik mit ein.

Der Herr Unischutz (erhebt die stimme):
Räumt diese Barrikade und lasst die braven Studenten studieren.

Der gescheite Student:
Genau, Streik ist ja gut, aber man muss die Willigen reinlassen. Wir können zu dreissigst den Vorlesungen fernbleiben. Und dann machen wir dafür eine kreative Aktion – mit Luftballons oder so.

Die Trotzkistin:
Ja aber, der Genosse Trotzki sagt,
ein Streik hat nur gemeinsam einen Sinn.
nur wenn das Kapital geplagt,
geht es schlussendlich auch dahin.

Der Herr Unischutz (brüllt)
Schluss jetzt. Es wird geräumt.

Der Unischutz räumt erste Teile ab, worauf einige KommunistInnen die Sachen wieder hinstellen und sich etwas mit dem Schutz rangeln. Die Masse der Studierenden verhält wie immer: interessiert aber sich strikt in den Bahnen der Konventionen bewegend. Man staunt über die absonderliche Begebenheit in der eigenen Uni, hütet sich aber vor dem direkten Eingreifen und schaut stattdessen ab und zu auf die Armbanduhr ob denn die Vorlesung schon angefangen habe.

Der Herr Unischutz (brüllt nun noch lauter):
Schluss jetzt. Es wird geräumt.
Ich mache sie, Frau Trotzkistin, persönlich für diesen Aufruhr verantwortlich. Das wird Konsequenzen haben.

Die Trotzkistin (sieht plötzlich ihren Abschluss, den Doktortitel, Ehre und Ruhm entfleuchen. murmelt vor sich hin):
Ja aber Genosse Trotzki…
Und Rosa und Karl…
Ich…
Es…
(Über-Ich murmelt sie nicht, obwohls an dieser Stelle wohl am beste gepasst hätte.)

Die Trotzkistin baut mit Hilfe des Herrn Unischutz die Barrikade ebensoschnell wieder ab, wie sie aufgebaut wurde. Sie geht traurig vom Durchgang weg. Man sieht einige Kommunisten und Kommunistinnen, die versuchen den Pöbel und den Unischutz zurückzudrängen. Sie gehen im Gedränge unter, die rote Fahen versinkt – sich ihrer Symbolkraft bewusst – im Mob.

Die Moral
So steht es mit der Radikalität,
man schreit sie raus von Früh bis Spät.
Doch ist das Verbale mal übertreten
und wird um’s Pflichtbewusste gebeten,
ists vorbei damit,
und im Schnitt
ist’s nicht weit her mit der Radikalität,
die rausgeschreien von Früh bis Spät.

Vom gewöhnlichen, sich oftmals kritisch dünkenden Studenten,
sei hier geschwiegen – zumal er sich partout nicht reimen will – ,
denn da lägen
bloss Verduss und Wut noch drin
und das macht in der Moral nun wenig Sinn.

Ausflug nach Absurdistan

14. Juli 2005

Am Dienstag, den 12. Juli fände in Freiburg eine Diskussion zwischen Joachim Bruhn (ISF) und Karl Rauschenbach (ADK) über die Frage der Klassen statt, wurde gross auf der ISF-Homepage angekündigt. Mit der vagen Vorahnung was mich da erwarten könnte – es handelt sich immerhin um die Auseinandersetzung zwischen einem Säulenheiligen und einem Renegaten der Antideutschen – reiste ich nach Freiburg. Die Veranstaltung fand vor etwa dreissig mehr oder minder aufmerksamen ZuhörerInnen statt, wobei das Innen stark unterrepräsentiert war. Die beiden Referenten fanden sich dann auch fast pünktlich ein und nahmen an einem Salontischchen Platz, welches auf der selben Höhe stand wie die Stühle der ZuhörerInnen – formal schien die antideutsche Familie also noch relativ intakt. Der Kollege Rauschenbach – wie er im Folgenden von Bruhn ständig genannt wurde – erklärte, eine selbstgedrehte Zigarette im Mundwinkel und offensichtlich mit sich selbst sehr zufrieden, dass er sich nicht vorbereitet habe. Er fahre halt gerne Zug und habe deshalb die Einladung angenommen, ausserdem sei die Diskussion sowieso schon vor zwei Jahren gelaufen und die Argumente seien ausgetauscht. In Freiburg kämen halt so Sachen einfach immer viel später an. Bruhn versuchte sich an einem inhaltlichen Einleitungsreferat. Den Inhalt kannte man als Leser der Schriften des geannten ohnehin und so erschöpfte sich der Erkenntnisgewinn in der Bestätigung, dass der Kapitalbegriff des ISF nicht zu verstehen ist. Anschliessend entspann sich eine sogenannte Diskussion zwischen dem im Stuhl förmlich liegenden kommunistischen Punk, der seine Nichtbereitschaft zur Diskussion bewusst zur Schau stellte (Rauschenbach) und einer im Leerlauf drehenden Metaphernschleuder (Bruhn). Eigentlich erschöpfte sich die Diskussion im Gegenseitigen Vorwurf, der Konterrevolution andienlich zu sein. Als Bonbon gabs von Rauschenbach noch einige antideutsche Internas zu hören (Verhältnis Bruhn – Wertmüller und Fahnenstreitereien). Das Publikum lachte an den richtigen Stellen – dort wo sie ein Spässchen seitens Bruhn vermuteten – und die Kettenhunde der genannten Fraktion bellten ab und an aus den hinteren Reihen. Im grossen Ganzen war es ganz lustig. Die meisten ZuhörerInnen fanden das nicht, vorallem nicht die, die drei Stunden mit dem Auto angereist waren. Mein Vorschlag: nächstes mal leuchtet man die Szenerie aus, engagiert einige HintergrundtänzerInnen und baut die eine oder andere Pointe ein, die auch wirklich zum Lachen ist.

GMX weiss…

24. Juni 2005

…was Wissenschaft ist.

Schon Babys wissen, was schön ist. Als der britische Psychologe Alan Slater 100 Säuglingen die Fotos von einem attraktiven und einem weniger hübschen Gesicht zeigte, blickten die Kleinen deutlich länger auf das schönere Gesicht. Fazit: Der Sinn für Schönes ist angeboren. (GMX-News)

Das Hirn ist’s. Da hält einer ein paar Fotos hoch und schon weiss man: Nicht Sein bestimmt Bewusstsein. Nein. Die Welt ist, wie der Mensch ist. Die gesellschaftlichen Normen sind eigentlich natürliche Vorgaben. Die Neurobiologie, jene alte – in neuem Gewand auftretende – Legitimierungsideologie des Bestehenden, abstrahiert konsequent von gesellschaftlichen Bedingungen, die einen Menschen erst formen.

Nicht die Menschen bestimmen ihre Zwecke, versuchen sie durchzusetzen, scheitern allzu häufig und legen sich ihr Scheitern an gesellschaftlichen Hindernissen als Segen oder Sachzwang zurecht, sondern das natürliche Gehirn soll es sein, das all dies für sie leistet. (Freerk Huisken)

Und weil man nicht nur die Welt erklärt, sondern auch, welcher Mensch innerhalb der Welt an welchem Ort zu stehen hat, wird heute das, was man früher per Schädelvermessung definierte per IQ-Test „wissenschaftlich“ festgehalten.

An dieser Stelle sei auf diesen sehr aufschlussreichen Text von Freerk Huisken hingewiesen. Ascetonym hat zu dem Thema auch was entdeckt.

Der Staat des Kapitals

16. Juni 2005

Bestrebungen, im kapitalistischen System der Produktion den Konflikt zwischen dem «command of labour» und den Arbeitenden in beiderseitiger Zufriedenheit zu schlichten, sind schon älteren Datums. Sie gingen von der richtigen Erkenntnis aus, daß das Spannungsverhältnis von Leitung und Belegschaft im Betrieb die Produktivität der Arbeit beeinträchtigt und auch das außerbetriebliche, politische und private Verhalten in ungünstiger Weise beeinflußt. Gesucht wurde nach Methoden, die mit dem geringsten, möglichst unmerklichen Repressionsgrad die höchste Ausnutzung des Profitmechanismus sichern. Insofern begann der Kapitalismus schon vor der jetzigen, «dritten Entwicklungsphase der Demokratie» (Flechtheim), innerbetrieblich sozial zu werden. Human relations, Staffelung der Befehlsgewalt durch Delegierung von Macht nach unten, freundliches Betriebsklima, ein in Grenzen gehaltenes, aber wirkungsvolles Ausspracherecht (kein Mitentscheidungsrecht) dienten dazu, Statusfixierung zu erzeugen und manipulativ ausgeübte Unterdrückung akzeptabel zu machen. Drängte schon die damit gewonnene positive Erfahrung dazu, Befriedungstechniken auf den gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozeß auszuweiten, so zwang die offene Konfliktsituation in den desintegrierten Gesellschaften des Westens nach dem Zweiten Weltkrieg, um der Sicherung des Systems willen eine allgemeine Politik des sozialen Ausgleichs zu versuchen.

(…)

So wichtig es auch sein mag, daß kein Zweck irgendwelche Mittel heiligt; so sehr es auch einleuchtet, daß «ein heiliger Zweck, der unheiliger Mittel bedarf, ein unheiliger Zweck ist» (Marx), ebenso sehr muß man sich vor einer abstrakten Verrückung im Werturteil vom Zweck zu den Mitteln hüten. Sie kann allerhand unheilige Zweckmäßigkeit verbergen. Es entstammt einer allerdings althergebrachten Bewußtseinskonfusion, daß Repression mit «friedlichen» Mitteln humaner sei als Emanzipation mit gewaltsamen Mitteln. Mit Recht bemerkt Duverger, daß eine solche Verschiebung selbst ein Herrschaftsmittel darstellt und immer der bevorrechteten Klasse und der «etablierten Unordnung» dient. Um so mehr als Herrschende sich im Gegensatz zu den Beherrschten jederzeit die Großzügigkeit der Mittel leisten können, wenn keine «gemeingefährlichen Umtriebe» zu befürchten sind. Panis et circenses, seit jeher ein vorzügliches Mittel der friedlichen Zurückdrängung potentieller Massenunruhen und der schmerzlosen Knechtung, sind in Wirklichkeit, in der Perspektive geschichtlicher Prozesse und deren Öffnung zur Evolution oder Involution, inhumaner als der Sturm auf die Bastille oder auf das Winterpalais. Nicht Brot und Spiele noch Wahlzettel, sondern die Gewalt hat im Laufe der bisherigen Geschichte soziale Kräfte der Manipulation entzogen und Freiheit verwirklicht.

(OCR) aus: Johannes Agnoli; «Der Staat des Kapitals»

Die conditio sine qua non des Post-Antideutschtums ist der Histomat

15. Juni 2005

Kürzlich stritt ich mich mit einem Mitstreiter bei «Die Stämme». Bemerkenswert an der Auseinandersetzung war die Tatsache, dass er die Apologie des Bestehenden mit Marx zu untermauern suchte. Wo der gemeine Freund der innerhalb ihrer Mauern teilweise offenen Gesellschaft Popper bemüht, glaubte der Jünger des Justus noch sich an die «Altlasten seiner linken Jugendsünden» halten zu müssen.

Und so verrenkt man sich den Hals beim Versuch einen Histomat, der selbst einem Leninisten die Schamesröte ins Gesicht triebe, zu konstruieren, der erklärt, warum denn nun die USA mit Bomben und Raketen gegen jeden ihrer Feind zu verteidigen sei. Lustiger- oder besser Tragischerweise kehrt der mit dem Pathos des Verteidigers der «Bedingungen der Möglichkeit» vorgetragene Histomat – der von jeglicher Dialektik der Zivilsation abstrahiert – die Vorzeichen heute um und konstatiert nicht mehr die «Unumgänglichkeit der Revolution», sondern die Unmöglichkeit derselben ausserhalb der am «weistesten fortgeschrittenen» Nationen. Was also an den Marxologen längst entlarvt war – ihr unsägliches Geschichtsbild – schwemmt es hier wieder an die Oberfläche. Hatte Marx im Sezessionskrieg noch die Konföderation verteidigt in seinem Glauben an den unausweichlichen Fortschritt hin zum Sozialismus, so wussten Wertmüller und Epigonen nach 1945 (oder nach dem 11/9) nur noch zu konstatieren, das zwar die Revolution ausblieb, die Bedingung aber mit Bomben in die ganze Welt zu tragen sei – ganz realpolitisch natürlich. Das hört sich dann wie folgt an:

«Amerika ist die conditio sine qua non (Grundvoraussetzung) jedes zukünftigen Fortschritts, den die Menschheit machen kann, ganz unabhängig davon in welche Richtung dieser Fortschritt einschlagen wird.»

In welche Richtung auch immer…
Die benjaminsche «revolutionäre Notbremse» möge jenen Fortschritt, wie er heute zu erwarten ist, aufhalten. Wünscht man fromm und kann sich der Täuschung über die reale Möglichkeit doch nicht hingeben.

Geschlossen sei mit einem der wohl bekanntesten Zitate aus der Dialektik der Aufklärung, deren Lektüre jene verdrängen, die Fortschritt und Befreiung so penetrant immer in eines setzen wie Barbarei und Rückfall:

«Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.»

Mir ist irgendwie übel…