An Sonn- und Feiertagen

20. Mai 2006

Durch die schmutzigen Fensterscheiben im Wohnzimmer ist die Welt zu sehen, wie sie da liegt und keine Anstalten macht, vernünftigt zu werden. Einmal mehr finde ich mich in den Zustand der Resignation geworfen. Eine tiefe Verunsicherung, die sich gerne als unverbrüchliche Gewissheit ausgibt und mich glauben macht, dass es so bleiben muss, erfüllt meinen hämmernden Kopf. Wohl weil die reale Subsumation der Arbeit unter das Kapital tatsächlich abgeschlossen ist… oder so ähnlich. Weil also der Einzelne da draussen bloss noch Staat und Kapital im Kopf und Markenschuhe an den Füssen hat. Erstmal eine Tasse Kaffee. Dann die Nachrichten: Deutschland kackt ab. Suizidaler Massenmord im Irak. Arbeitslosigkeit über zwanzig Prozent. Irgendwo brennt ein Asylbewerberheim. Mein Kopf explodiert demnächst. Ein Alka-Selzer drängt sich mir so auf, wie die Möglichkeit einer freien Gesellschaft. Ersteres hat mit der gestrigen Nacht zu tun, das zweite bestätigt ein Blick in jede Fabrikhalle und jedes Büro. Auf Viva zeigen sie nach einem Videoclip mit nett lächelnden Silikongestellen das zweiundreissig Zimmer starke Haus von Puff Daddy. Die Folterkeller der Kulturindustrie erscheinen als die mit Samt ausgelegten Luxusgefängnisse, die ein jeder anzustreben hat. Und wie ich da so auf meinem Flohmarktsofa sitze und das Elend mir aus dem Fernseher ins Gesicht schlägt, macht der Zustand der Resignation ziemlich plötzlich Verzweiflung Platz. Ich renne gegen die Mauern im Hinterhof an und in die Köpfe der Menschen werf ich Pflastersteine. Wahrscheinlich liegt es am Kater, dass ich dabei nichtmal in meiner Phantasie besonders erfolgreich bin.

Adorno vs. Krahl (3)

12. Mai 2006

«Daß die Idee hinausführenden Fortschritts heute blockiert ist, rührt daher, daß die subjektiven Momente der Spontaneität im geschichtlichen Prozeß zu verkümmern beginnen. Der gesellschaftlichen Allmacht desperat einen isolierten, vorgeblich ontologischen Begriff des subjektiv Spontanen entgegenzustellen, wie die französischen Existentialisten, ist, noch als Ausdruck von Verzweiflung, zu optimistisch; die wendende Spontaneität kann nicht außerhalb der gesellschaftlichen Verflechtung vorgestellt werden.» (Theodor W. Adorno)

vs.

«Adorno hat die Irrationalisierung der Spontaneität im Rahmen der Ursprungskategorie kritisiert, Spontaneität, die also nicht mehr in dem bürgerlichen Sinne autonome Vernunft meint, (…) sondern irrationalisierte Spontaneität auf dem Boden einer schlechten Unmittelbarkeit. Was er jetzt nicht differenziert, ist dieses – und das kann man gewissermassen im Umschlag der Arbeiterbewegung zum Faschismus selber feststellen in der grossen Zusammenbruchskrise der zwanziger Jahre –, dass er nicht feststellt, dass faschistische Konterrevolution selbst sich immer, demagogisch, herrschaftsmässig und manipulativ entstellend, des antikapitalistischen Bewusstseins der Massen bedienen müssen, und dass es auf diese Weise gewissermassen die konterrevolutionär entstellte revolutionäre Spontaneität ist, die den totalen Naturzustand herbeiführt.» (Hans-Jürgen Krahl)

Adorno vs. Krahl (2)

11. Mai 2006

«In der Kulturindustrie ist das Individuum illusionär nicht bloß wegen der Standardisierung ihrer Produktionsweise. Es wird nur so weit geduldet, wie seine rückhaltlose Identität mit dem Allgemeinen außer Frage steht. (…) Nicht indem sie ihm die ganze Befriedigung gewährten, haben die losgelassenen Produktionskolosse das Individuum überwunden, sondern indem sie es als Subjekt auslöschten.»

«Das Subalterne wächst an, nachdem es mit der Revolution erging wie einst mit der Wiederkunft des Messias. Die materialistische Theorie wurde nicht bloß ästhetisch defekt gegenüber dem ausgehöhlt Sublimen des bürgerlichen Bewußtseins, sondern unwahr. Das ist theoretisch bestimmbar.»

«Klassenkampf setzt objektiv einen hohen Grad sozialer Integration und Differenzierung, subjektiv ein Klassenbewußtsein voraus, wie es erst in der bürgerlichen Gesellschaft rudimentär entwickelt wurde. Nicht neu, daß Klasse selbst, die gesellschaftliche Subsumtion von Atomen unter einen Allgemeinbegriff, der die ebenso für sie konstitutiven wie ihnen heteronomen Beziehungen ausdrückt, strukturell ein Bürgerliches sei.» (Theodor W. Adorno)

vs.

«Es scheint, als sei Adorno durch die schneidende Kritik am ideologischen Dasein des bürgerlichen Individuums hindurch unwiderstehlich in dessen Ruine gebannt. (…) Das monadologische Schicksal des durch die Produktionsgesetze der abstrakten Arbeit vereinzelten Individuums spiegelt sich in seiner intellektuellen Subjektivität. Daher vermochte Adorno die private Passion angesichts des Leidens der Verdammten dieser Erde nicht in eine organisierte Parteilichkeit der Theorie zur Befreiung der Unterdrückten umzusetzen.
(…)
In seiner Ideologiekritik am Tod des bürgerlichen Individuums zittert ein Moment berechtigter Trauer nach. Doch über diese radikalisierte letzte Bürgerlichkeit seines Denkens konnte Adorno im hegelschen Sinn dieses Begriffs nicht immanent hinausgehen. Er blieb an sie mit furchtsamem Blick auf die schreckliche Vergangenheit fixiert: das immer zu spät kommende Bewusstsein dessen, der erst in der Dämmerung zu begreifen anfängt.» (Hans-Jürgen Krahl)

Adorno vs. Krahl (1)

«Nach Auschwitz und Hiroshima ihn [den Rückfall in die Barbarei] für die Zukunft zu erwarten, hört auf den armseligen Trost, es könne immer noch schlimmer werden. Die Menschheit, die das Schlimme ausübt und über sich ergehen läßt, ratifiziert dadurch das Schlimmste: man muß nur dem Gewäsch von den Gefahren der Entspannung lauschen. Fällige Praxis wäre allein die Anstrengung, aus der Barbarei sich herauszuarbeiten. (…)
Was vor fünfzig Jahren der allzu abstrakten und illusionären Hoffnung auf totale Veränderung für eine kurze Phase noch gerecht erscheinen mochte, Gewalt, ist nach der Erfahrung des nationalsozialistischen und stalinistischen Grauens und angesichts der Langlebigkeit totalitärer Repression unentwirrbar verstrickt in das, was geändert werden müßte. (…) Entweder die Menschheit verzichtet auf das Gleich um Gleich der Gewalt, oder die vermeintlich radikale politische Praxis erneuert das alte Entsetzen. Schmählich wird die Spießbürgerweisheit, Faschismus und Kommunismus seien dasselbe, oder die jüngste, die ApO hülfe der NPD, verifiziert.» (Theodor W. Adorno)

vs.

«Adornos gesellschaftstheoretische Einsicht, derzufolge «das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie» anzusehen sei, liess seine progressive Furcht vor der faschistischen Stabilisierung des restaurierten Monopolkapitalismus in regressive Angst vor den Formen praktischen Widerstands gegen diese Tendenz des Systems umschlangen.
Er teilt die Ambivalenz des politischen Bewusstseins vieler kritischer Intellektueller in Deutschland, die projizieren, die sozialistische Aktion von links setze das Potential des faschistischen Terrors von rechts, das sie bekämpft, überhaupt erst frei. Damit aber ist jede Praxis a priori als blind aktionistisch denunziert und die Möglichkeit politischer Kritik schlechthin boykottiert nämlich die Unterscheidung zwischen einer im Prizip richtigen vorrevolutionären Praxis und deren kinderkranken Erscheinungsformen in entstehenden revolutionären Bewegungen.» (Hans-Jürgen Krahl)

……

10. Mai 2006

«Wenn man das Entsetzen der heutigen Welt über die Lustmorde, besonders über Angriffe auf Kinder erfährt, könnte man glauben, daß ihr das Menschenleben und die gesunde Entwicklung des Individuums heilig wäre. Doch abgesehen davon, daß der große Abscheu von jenen Verbrechen meist seine besonderen psychischen Quellen hat, krepieren ja die Kinder zu Hunderttausenden, und der Mehrzahl der Überlebenden macht man die Wirklichkeit zur Hölle, wobei sich gar kein Abscheu in den so leicht entflammbaren Herzen regt. Die Kinder der Armen sind im Frieden zukünftiges Material der Ausbeutung und im Krieg das Ziel der Sprengstoffe und Giftgase.» (Max Horkheimer)

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9. Mai 2006

«Mehr als jede frühere Periode der jüngsten Geschichte ist unsere Zeit nicht eine Zeit der Revolution, sondern der Konterrevolution. Das ist gleichermaßen wahr, ob wir nun diesen vergleichsweise neuen Begriff der Gesellschaftswissenschaften als bewußte Gegenaktion gegen einen vorausgegangenen revolutionären Prozeß definieren, oder ob wir ihn – gemeinsam mit einigen Italienern der jüngsten Vergangenheit und ihren Vorläufern im Nachkriegsfrankreich – im wesentlichen als «präventive Konterrevolution» verstehen.» (Karl Korsch)

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7. Mai 2006

Professor X: Wenn Sie an die Macht kommen, stellen Sie mich sicher an die Wand!

Johannes Agnoli: Wo denken Sie hin, Herr Professor. Wenn wir an die Macht kommen, sind Sie auf unserer Seite. Sie sind doch immer auf der Seite der Macht.

6. Mai 2006

«Der Riss, der durch die Welt geht, läuft auch durchs Ich.» (Peter Brückner)

Fetzen

2. April 2006

Und noch während man – den Drink in der Hand – denkt, dass man dann irgendwann nach Hause gehe, treiben schon grosse glitzernde Ohrringe an einem vorüber, bewegt sich eine über die Schulter geworfene weisse Damenhandtasche vorbei und kreuzt sich mit einem modischen Kleid. Werfen sich eilig eine paar geschminkte Lippen in den Strom, den Klippen aus starrenden Gesichtern entgegen. Man findet sich zurückgeworfen auf die eigenen Sinne. Rundherum bewegt sich im Takt der Strom und auf einer Grossleinwand irgendwo im Rückraum quält sich Johnny Cash. Im Strom bildet sich ein Strudel um glänzend blonde Haare. Keine Überlegenheit, man steht nicht auf einer Anhöhe und schaut in den Fluss, man steht mitten drin. Schlecht absorbiert. Bloss ein Stein auf dem Grund und es wird einem leicht übel. Flucht. Dunkles Zimmer. Kopfhörer. E-Gitarre. A-Moll. Im Takt. Kein Strom. Nur der eigene Kopf, der im Takt wiegt. Irgendwann entschlafen.

Hinter Masken (2)

25. März 2006


Karin Kowalsky (ganz rechts)

Nachdem Karin Kowalsky den grünen Salat und das halbe Brötchen vom Mittagessen mittels bewährter Zeigefingertechnik in der WC-Schüssel entsorgt hatte, schaute sie sich im goldumrandeten Spiegel der Hoteltoilette ins Gesicht. Seit sie des Arztes, der Polizei und der Agentur wegen auf ihr Betäubungs- und Schlankheitsmittel aus Kolumbien verzichten musste, war ihr der ständige Gang auf den Laufsteg zur ausschliesslichen Selbstzerstörung geworden. So schloss sie mit ihrem 17 jährigen Verstand messerscharf, dass eine Packung Schlaftabletten wohl die einzig adäquate Antwort auf die aktuelle Situation sei.




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